November 11

Der etwas andere Augenarztbesuch

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Vorwort

Ich hatte letzten Freitag einen Augenarzttermin und das, was ich an jenem Vormittag erlebt habe, war einer der Tage, wie sie nicht oft im Leben vorkommen. Das, was ich erlebt und währenddessen in Echtzeit mitgeschrieben habe, lässt sich hier nicht in vollem Umfang darstellen. Ich habe jenen Rohtext in mein Buch einfließen lassen und ihr könnt ihn bald in vollem Umfang lesen. Da die Eindrücke aber noch frisch sind, will ich sie euch nicht vorenthalten und habe hier eine blogfreundlichere Version daraus gemacht. Eine halbe Stunde beim Arzt und der Weg dorthin - das war alles, worum es ging. Es sollte mich nachhaltig verändern.

Ein kalter Herbstmorgen und die Reise beginnt

Es ist kurz vor fünf. Ich stehe an der Bushaltestelle, noch halb Nacht, halb Erwartung, und warte auf meinen Bus nach Montabaur. Autofahren darf ich wegen der Untersuchung nicht, also bleibt mir nur der Bus. Eine Mini-Reise. Ein bisschen Aufregung. Ein bisschen Reisefieber.

Der Vollmond hängt noch am Himmel, klar und hell, als würde er die Dunkelheit selbst beleuchten. Ein Propellerflugzeug zieht über den Himmel. Ich höre die Autobahn rauschen, ein Hahn kräht irgendwo. Ich lächle. „Der Hahn weckt euch. Ich wecke den Hahn.“ Früher ein Spruch, heute Wahrheit.

Der Bus verspätet sich und meine selbst gesetzte Deadline läuft ab. Also fahre ich schnell zur nächsten Haltestelle mit dem Auto. Sieben Kilometer, ein enger Zeitrahmen, aber ich bekomme den Anschlussbus. Ein Doppelstockbus. Ich sitze auf dem Oberdeck, ganz vorne. Genau mein Platz. Die Hektik verfliegt und ich sinke zurück in diesen eigenartigen, klaren Morgen.

Ich entdecke die öffentlichen Verkehrsmittel wieder. Das Deutschlandticket fühlt sich an wie ein kleines digitales Stück Freiheit. Nicht bequem, aber lebendig. Menschen, Geräusche, Bewegung. 45 Minuten Autofahrt geben mir das nicht. Ein Bus dagegen öffnet die Welt. Fremde Stimmen, andere Perspektiven, Koblenz bei Nacht. Herrlich.

Der Augenarzttermin selbst? Ein Geschenk. Ich will wissen, wie es meinem Körper geht. Ich will früh spüren, wenn etwas sich etwas ändert. Nicht aus Angst. Aus Achtung vor dem Leben, das ich behalten will, solange es nur geht. Bewusst. Ohne Klammern.

Der Bus beschleunigt und ich spüre ein leichtes Unbehagen. Ich fahre nicht selbst und verliere das Gefühl für die Geschwindigkeit. Ich bin kein guter Beifahrer. Ich lenke mich ab, sehe die Lichter, die sich in der Mosel spiegeln, und alles wird wieder ruhig.

Eine Begegnung mit ungeahnter Wirkung

Am Bahnhof hole ich mir zwei Rosinenbrötchen und einen schwarzen Kaffee. Die Verkäuferin erinnert mich an Peter Fox‘ „Backwarenverkäuferin“. Freundlich, wach, völlig unbeeindruckt von der frühen Uhrzeit. Der Kaffee riecht nach „Neuer Tag“. Ich setze mich an die Haltestelle, neben einen schlafenden Mann. „Penner“, denke ich zuerst. Ja, das Wort springt mir in den Kopf. Nicht weil ich ihn abwerte, sondern weil Sprache manchmal schneller ist als das Gefühl.

Er wacht auf, ich gebe ihm eines meiner Brötchen und den Rest des Kaffees. Er sagt „Danke“, dann sieht er mich an und sagt es nochmal – diesmal mit einem Blick, der tiefer geht als jedes Wort: „Bist ein feiner Kerl.“ Wir reden. Fernfahrer, drei Kinder, Frau abgehauen, Pechsträhne, zwölf Jahre Straße. Ein tragisches Leben in ein paar Worten erzählt - und doch hadert er nicht. Er lebt - Augenblick für Augenblick. Er gibt mir die Hand zum Abschied. Fester Griff. „Das wird einer von den guten Tagen“, sagt er. Ich gebe ihm fünf Euro. Nicht aus Mitleid. Aus Anstand. Damit sein Tag nicht nur gut beginnt.

Und plötzlich wird mir klar: Nicht ich habe ihm geholfen. Er hat meinen Morgen verändert.

Im Bus nehme ich wieder meinen Platz ein und lasse die Gedanken laufen. Vor kurzem habe ich täglich mehr Geld verraucht, als ich dem Mann eben gegeben habe. Ein absurder Gedanke. Für mich ein kleiner Betrag, für ihn ein ganzer Tag. Ich spüre einen leichten Stich: Wir reden uns oft ein, dass Worte die Welt verändern. Vielleicht tun sie es. Aber manchmal ist es einfach ein Brötchen, ein Kaffee, ein ehrlicher Händedruck.

Ein Theaterstück

Die Fahrt geht weiter. Der Himmel wird langsam heller. Die Welt wacht auf, Haltestelle für Haltestelle. Menschen steigen ein, steigen aus. Ein Theaterstück, das sich selbst spielt. Ich sitze mittendrin und bin gleichzeitig Zuschauer und Teil des Ensembles. Gesprächsfetzen, Kopfhörer, Müdigkeit, Routinen. Alles fließt an mir vorbei und gleichzeitig in mich hinein.

Ich verliere mich fast in der Szenerie und muss aufpassen, dass ich das Aussteigen nicht verpasse. Wälder, Nebel, Baumtämme, Schatten. Grimms Märchen schleichen sich in meinen Kopf – Hänsel und Gretel. Die Welt da draußen ist gruselig und friedlich zugleich. Dann stoppt der Bus und ich muss raus.

Der Nebel ist kalt und dicht. Angenehm. Ich gehe durch ein Industriegebiet. Tagsüber ein hässlicher Ort, aber jetzt wirkt er fast modern. Neue Häuser neben funktionalen Hallen. Eine andere Perspektive auf die gleiche Welt, und plötzlich ist sie nicht mehr so banal, wie ich sie vom Steuer meines Autos aus kenne.

Ich erreiche die Praxis eine Stunde zu früh. Das Gebäude ist dunkel. Die Tür ist offen. Im Treppenhaus geht automatisch das Licht an. Gepolsterte Stühle vor der Praxistür. Stille. Nur ich. Perfekt. Ich klappe mein Notebook auf und beginne zu schreiben. Zwei Arzthelferinnen kommen herein und sehen mich an, als wäre ich versehentlich aus einem Paralleluniversum gefallen.

Während ich schreibe, denke ich wieder an den Mann vom Bahnhof. Und plötzlich stört mich das Wort „Penner“. Nicht, weil ich es böse meine. Sondern weil ich merke, dass es bequem war. Ein Reflex. Eine Abgrenzung. Ich will ihn anders nennen, aber „obdachlos“ fühlt sich genauso falsch an - Orwells Neusprech. Also nenne ich ihn gar nicht. Es war ein Mensch. Ein Gespräch. Ein Moment.

Das Neonlicht nervt. Ich gehe wieder nach draußen in den Nebel und laufe ein Stück. Kälte ist Ehrlichkeit. Drinnen war alles tot.

In der Praxis

Wieder zurück im Wartezimmer. Meine Gedanken rasen. Ich muss doch nur zum Arzt. Aber dieser Morgen löst etwas in mir aus, das ich nicht greifen kann. Ich frage mich, ob ich gerade wirklich wacher werde oder ob das alles nur ein weiterer Traum vom Erwachen ist. Türen hinter Türen. Erkenntnisse hinter Erkenntnissen. Und immer der Zweifel, ob ich schon an der richtigen Tür bin. Bin ich wach? Oder träume ich wieder einmal erwacht zu sein?

Die Arzthelferin ruft mich auf. Augentropfen. Ich mag das nicht. Meine Augen tränen schon, bevor die Tropfen sie berühren. Als würde mein Körper in vorauseilendem Gehorsam rebellieren. Die Pupillen weiten sich. Mein Blick verschwimmt. Das Neonlicht brennt. Die Geräusche werden lauter. Ein Reißverschluss klingt wie ein Presslufthammer. Ich spüre jedes Detail, als hätte jemand alle Filter ausgeschaltet.

Drei Runden Tropfen später flimmert sogar die Wärme im Raum. Der Tisch vor mir wabert wie eine Fata Morgana. Und plötzlich, mitten in dieser Überwältigung, kehrt Ruhe ein. Eine nüchterne Ruhe. Als hätte ich einen ersten kleinen Schritt in eine neue Welt gemacht. Ungeplant. Hineingeschubst. Aber richtig.

Ich denke darüber nach, dass diese Reise nur passiert ist, weil ich nicht fahren durfte. Kein großer Plan. Keine Absicht. Keine Kontrolle. Vielleicht passieren die großen Dinge genau dann, wenn man sie nicht erzwingen kann.

Die Augenärztin ruft mich auf. Das Netzhautloch ist unverändert. Laserbehandlung optional. Ich entscheide mich dagegen. Nicht aus Angst. Ich will in der Schleife der Kontrollen bleiben, solange es möglich ist. „Wenn Sie Blitze sehen, Schatten… kommen Sie sofort vorbei.“ Ich nicke, gehe.

Die Rückfahrt

Draußen warte ich wieder auf den Bus. Es ist hell geworden, aber der Nebel liegt wie eine zweite Haut über der Welt. Die Scheinwerfer der Autos – jedes Photon in meinen Augen, wie eine kollabierende Sonne. Mein Mund ist trocken. Die Wasserflasche liegt in der Tasche, die ich Auto vergessen habe. Die Sonnenbrille auch. Ein kleiner Fehler, der sich plötzlich wie ein großer anfühlt.

Der Westerwald enttäuscht mich nicht. Es ist so kalt, dass der Nebel gefriert und die letzten braunen Blätter rascheln, als würden sie warnen. Mein Gehirn filtert immer noch nichts. Alles ist zu laut, zu hell, zu nah.

Ich höre Sirenen, zuerst eine, dann zwei, dann drei. Ein Polizeiwagen, zwei Mannschaftstransporter. Etwas Großes läuft irgendwo. Ich warte. Und denke an ein Gespräch mit meiner Kollegin vom Vortag. Etwas bedrückte sie, das hatte ich gespürt. Und für einen Moment empfinde ich Mitgefühl. Ein echtes. Kein höfliches. Ein leises: „Ich hoffe, sie lässt ihre Sorgen nicht zu lange bei sich.“

Der Bus taucht aus dem Nebel auf. Ich steige ein. Die Rückfahrt beginnt. Mein Durst wird schlimmer, mischt sich unter die Eindrücke und Nervosität. Vor mir sitzt ein Pärchen, videotelefoniert, vielleicht mit Freunden in Indien. Sie lacht, trägt ein Sari und ein Kopftuch, ihre Fingernägel glänzen auffällig grün. Für sie existiert der Bus nicht. Sie sitzen in ihrer eigenen Welt. Technik. Fluch und Segen. Heute ein Segen. Für sie. Und irgendwie auch für mich, weil ich begreife, dass Freiheit nicht daran hängt, wo man ist. Sondern worauf man sich einlässt.

Ich denke an Ozzy Osbourne. An die Zeile:

„…you can choose… win or lose… it’s up to you…“

Ich vermisse ihn. Sein Tod hat mich getroffen, aber sein Leben inspiriert mich. Unperfekt, ehrlich, chaotisch und trotzdem voller Musik. Sein Abschiedskonzert, dieser Tag mit meinem Freund – dem Freund – war ein Moment, der mich getragen hat. Familie auf Zeit. Familie für das Herz.

Meine Gedanken laufen weiter, galoppierend wie ein Pferd ohne Zügel. Ich lasse sie. Vieles fällt an diesem Morgen an seinen Platz. Ich will das Gefühl halten, aber nicht zerdrücken. Es ist fragil, wie ein Schmetterling, dessen Flügel man nicht berühren darf.

Wir fahren über die Rheinbrücke in Koblenz. Die Festung, das Schloss, das Deutsche Eck. Alles zieht vorbei wie Erinnerungen, die man zu selten besucht. Kaiser Wilhelm ragt aus den Bäumen. Mein Blick fällt auf meine verschwommenen Finger. Der Ehering fehlt, weil ich das Tattoo nicht verdecken will. Ein bisschen Farbe gegen ein großes Versprechen. „Sie wird sich damit begnügen müssen, dass ich sie im Herzen trage“, denke ich an meine Frau. Und es stimmt. Mehr als jeder Ring.

Ich nehme den nächsten Bus, dann noch einen. Ich will in Bewegung bleiben. Die Reise soll nicht enden. Meine Tochter schreibt auf WhatsApp. Neuer Freund, erste Liebe, erstes Vermissen. Ich freue mich für sie. Sie ist stark. Vielleicht stärker als ich damals war.

Ich genieße meinen Einzelplatz und tippe weiter. Schreiben, erleben, schreiben. Echtzeit. Keine Filter. Kein Plan. Nur ich.

Ein Sturm aus Eindrücken und Gedanken

Und dann kommen sie, die Gedanken an Krankheit, Schmerz, Zukunft. Sie tun weh. Nicht der Tod macht mir Angst. Der ist die gleiche Konsequenz für uns alle. Was mich beschäftigt, sind die Wege dorthin. Blinde Flecken, Knochenschmerzen, Nierenversagen, Diabetes. Es fühlt sich nicht immer fair an. Aber ich versuche mich zu erinnern: Auch das ist Leben. Und Leben ist ein Geschenk.

Wir fahren am Bundeswehrzentralkrankenhaus vorbei. Einst wie ein zweites Zuhause. Sie haben mich mehr als einmal zusammengeflickt, als ich auseinandergefallen bin. Ich empfinde nur Dankbarkeit. Tiefe Dankbarkeit.

Hinter mir reden ein Perser, eine Ukrainerin und eine Deutsche. Artikel: der, die, das. Integration im Kleinen. Drei Menschen, die zusammen lachen, lernen, sich helfen. Keine Politik. Kein Konzept. Nur Menschlichkeit.

Ich erkenne: Die Welt ist nicht gefährlich. Wir sind nur oft zu beschäftigt damit, nach Gefahr zu suchen. Und dabei übersehen wir die Schönheit direkt vor uns.

Ich fühle mich müde. Der Morgen war intensiv, überwältigend, aufrüttelnd. Alles prasselt weiter auf mich ein und gleichzeitig beruhigt sich etwas in mir. Ich steige irgendwann aus, kaufe mir etwas zu trinken und ein Fleischkäsebrötchen, setze mich hin und atme durch. Die Pause tut gut. Kein Vorwärts, kein Rückwärts. Nur sein.

Bei der letzten Busfahrt des Tages ist der Sturm endgültig vorbei. Ich freue mich auf zu Hause. Auf Ruhe. Auf mein Leben. Mein echtes Leben.

Dort angekommen, gönne ich mir einen guten Single Malt. Ich habe ihn mir verdient.

…und das alles, weil ich eine halbe Stunde beim Arzt war.


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  1. … sehr schön geschrieben, ich bin beeindruckt und stolz auf dich.
    Mach weiter so!
    Die Zeit und die Forschungen in der Medizin werden hoffentlich auf deiner Seite sein und dir ein noch langes, angenehmes Leben bereit halten.

    1. Vielen Dank. Forschung und Heilung sind so weit entfernt. Dort blicke ich nicht hin. Alles wird kommen, wie es kommen soll. Egal wie, es wird angenommen. Bis dahin geht es einfach weiter. Augenblick für Augenblick.

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