November 3

Loslassen

Schon seit Monaten spüre ich, dass das Leben von mir fordert eine wichtige Lektion zu lernen: Loslassen.

Ich habe bereits früh gelernt, dass das Leben uns selten ins kalte Wasser schubst. Es hebt uns sanft auf das nächste Level. Wir bekommen nichts ab, was wir nicht tragen könnten. Manchmal schlägt es hart zu, aber wir sind bereit, solche Schläge wegzustecken.

Ich war gezwungen, dieses Jahr so vieles loszulassen – ohne es zu wollen. Gefragt hat mich niemand und hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich gerne auf das ein oder andere verzichtet.

Nun stehe ich aber vor der Königsdisziplin des Loslassens: meine Kinder. Spätestens seit sie in der Ausbildung sind ist klar, dass sie ihren eigenen Weg gehen müssen. Ich wollte nie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und vor Gefahren warnen. Feuer ist erst heiß, wenn man sich die Finger verbrennt. Bis dahin ist Feuer Licht und Faszination.

So empfinde ich auch das Loslassen der Kinder. Ich staune, wie sie ihren Weg beschreiten. Sie erobern sich Schritt für Schritt die Selbstständigkeit – und das nicht erst seit gestern. Seit ihrer Geburt, ziehen sie an den Ketten, die sie halten.

Jetzt ist für mich die Zeit gekommen, meine Kinder in die Eigenverantwortung zu entlassen. Endgültig. Meine Tochter hat ihren ersten Freund und ich freue mich sehr für sie. Als sie mir das sagte, war sofort klar, dass meine wesentliche Rolle in ihrem Leben erfüllt ist. Mit meinem Sohn ist das nicht anders. Sie sind beide so weit gekommen. Es wird Zeit das Loslassen zu leben. Keine Forderungen, keine Belehrungen. Sie wissen, was sie wissen müssen.

Meine Frau und ich haben sie gelehrt, was wir konnten. Wir müssen nun darauf vertrauen, dass das genug war. Unsere Kinder müssen nun lernen, das Gelernte anzuwenden. Weiter zu lernen. Eigene Wege finden - bessere. Sie werden Rückschläge einstecken. Sie werden lernen auch damit eigenverantwortlich umzugehen.

Alles ist, wie es sein muss. Ja, es ist nicht ganz leicht, aber das, was ich sehe, macht mich auch unfassbar stolz. Sie haben das Nest verlassen und sie machen ihre ersten Schritte gut.

Vielleicht ist das jetzt die Zeit, in der ich mehr von meinen Kindern lernen kann als sie von mir.

Silhouetten einer vierköpfigen Familie in dunklen Umrissen – Sinnbild für Eltern, die ihre Kinder ins eigene Leben entlassen.

An meine Kinder:

Ich bin wahnsinnig stolz auf euch. Ich wünsche mir, dass ihr fliegt – und solltet ihr je fallen: Ich werde da sein. Immer! Nicht, um euch zu tragen, sondern um euch beim Aufstehen zuzusehen.

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  1. Ein sehr guter Beitrag von dir !!!

    Zum heutigen Stand kann man sagen – wir sind auch stolz auf euch, ihr habt euer Leben im Griff.

    Wir befinden uns nun seit fast 43 bzw. 50 Jahren in der Phase des loslassen und diese Phase ist noch nicht beendet, das Los der Eltern, das ist halt so, das wirst du noch merken.

    Was wir aktuell erleben ist das Gefühl und die Tatsache, dass uns aufgrund unseres Alters immer mehr die körperlichen Fähigkeiten zu helfen, da sind uns nicht nur die Hände gebunden.

    Ihr werdet es auch schaffen, aber ein ganz loslassen gibt es wohl nicht.

    In diesem Sinn ….. ;))

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