Ein Lehrgang und ein Umzug
Eine weitere Lehrgangswoche liegt hinter mir. Dieses Mal führte es mich nach Veitshöchheim. Unmengen an Schnee begrüßten mich in Würzburg. Selbst Busse und Bahnen stellten in der Folge ihren Betrieb ein. Wie meine Reisen zuvor bestätigte mich auch diese, dass Reisen mir guttun. Die Herausforderung in dieser Woche war nicht der Lehrgang, sondern die Heimreise und das Wochenende danach.
Ich fuhr am Freitag mit den Regionalbahnen rund 7 Stunden nach Hause. Abends angekommen, ging ich zügig ins Bett. Am nächsten Morgen stand die Fahrt nach Oberammergau an. Meine Tochter steht kurz vor dem Ende des ersten Teils ihrer Ausbildung und Mitte Februar muss sie Oberammergau verlassen.
Das bedeutet im Wesentlichen, dass sie ihre Unterkunft auflösen muss. Mir war klar, dass wir die Einrichtung nicht mit einer Fahrt würden bewältigen können. Also fuhr ich am Samstagmorgen los, um den ersten Teil der Einrichtung zu verladen und nach Hause zu bringen. Abends aßen wir ein vorerst letztes Mal im Ammergauer Maxbräu. Morgens belud ich das Auto und machte mich früh auf die Heimreise. Völlig geschafft von den langen Autofahrten verbrachte ich den Rest des Sonntags vor dem Rechner und entspannte mich. Allerdings waren meine Gedanken schon einen Tag weiter…
Besuch bei der Hämatologin
Bevor ich nach Veitshöchheim reiste, hatte ich einen wichtigen Termin: Ich musste Blut abgeben. Die quartalsmäßige Überwachung meiner Blutwerte stand an. Der weitaus wichtigere Termin – die Besprechung der Laborwerte – stand für Montag an. Das abgelaufene Quartal war hinsichtlich meiner Krebserkrankung kein einfaches.
Um das besser zu verstehen, muss ich etwas erklären. Die Besprechungen der Laborwerte beginnen immer mit drei Fragen:
- Schwitzen sie?
- Haben sie außergewöhnlich viel Gewicht verloren?
- Sind sie ungewöhnlich müde?
Dies sind immer die ersten Fragen, die mir gestellt werden. Es folgen weitere, die aber zielen schon auf meine Krebsart und ihre Symptome ab. Die drei oben gestellten Fragen sind jedoch die wichtigeren.
Das abgelaufene Quartal war hinsichtlich dieser Fragen knifflig. Ja, es gab eine Phase, in der ich auffallend von Nachtschweiß geplagt wurde – allerdings war ich zu dieser Zeit sehr erkältet. Ich schlief auch mehr als gewöhnlich – allerdings war ich auch sechs Wochen krankgeschrieben und hatte Gelegenheit zu entspannen. Die Frage nach dem Gewicht war hinsichtlich der Krebserkrankung positiv zu bewerten: Ich hatte über die Adventszeit acht Kilo zugenommen. Natürlich verursachte dieser Umstand andere Probleme, aber hier und jetzt war es eher als ein gutes Zeichen zu bewerten.
Was ich nicht aufweise, sind die typischen Knochenschmerzen. Auch sonst habe ich ein gutes bis sehr gutes Körpergefühl. Selbstverständlich hatte der Bänderabriss Folgen. Ich durfte drei Monate nicht wandern und meine Fitness hatte gelitten, aber ich spüre, wie sie zurückkommt und fühle mich grundsätzlich leistungsfähig.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurden mir die Laborwerte eröffnet und sie waren durchweg positiv. Einzig meine „Zuckerwerte“ fielen zu hoch aus. Das wunderte mich nicht – acht Kilo kamen nicht aus dem Nichts. Dennoch wirkte die Ärztin nicht froh. Sie sprach den Leichtkettenwert an. Er war gestiegen. Steigt er um bis zu 25% an, ist das einigermaßen okay. Bei mir lag der Anstieg annähernd bei 30%. Sie sprach davon, dass es sich dabei um einen signifikanten Anstieg handelt und man es näher untersuchen müsse.
Neugierig und unsicher fragte ich, was diese Werte zu bedeuten hätten. Die Antwort war kurz und überraschend:
„Ich weiß es nicht.“
Sie führte näher aus: Mein Körper hatte übermäßig viele Leichtketten gebildet. Das ist zwar unschön, aber dieser Wert passte nicht zu den Blutwerten und meinem Gesamtbefinden. Ich verstand nur Bahnhof. Sie erklärte genauer: Wenn der Leichtkettenanteil stieg, dann hätten sich die Blutwerte verschlechtern müssen. Das taten sie aber nicht. Im Gegenteil! Sie hatten sich sogar verbessert. Meine Leberwerte, meine Nierenwerte, Schilddrüse, Hämoglobin…alles lag absolut im Normbereich. Körperlich weise ich nach wie vor keine Symptome auf und befinde ich mich in einem „guten Allgemeinzustand“. Es passte einfach nicht zusammen.
Sie schlug zwei Strategien vor:
- Wir machen ein Ganzkörper-CT sowie eine Beckenkammbiopsie und haben zeitnah Klarheit.
- Wir warten vier Wochen und messen erneut die Laborwerte.
Ich war unsicher. Sie beruhigte mich. Ja, der Leichtkettenwert war nicht in Ordnung, aber da die restlichen Werte in Ordnung waren, sah sie keinen Grund mir sofort die Strapazen eines Ganzkörper-CTs und der Beckenkammbiopsie aufzubürden. Eine erneute Untersuchung meiner Laborwerte würde im schlimmsten Falle keine nennenswerte Zeitverzögerung verursachen. Sollte sich bestätigen, dass die Leichtketten sich tatsächlich außergewöhnlich schnell vermehrten, könne man immer noch Option 1 wählen und gegebenenfalls mit einer Therapie beginnen.
Ich stimmte zu, wir vereinbarten einen neuen Termin und ich verließ die Praxis mit gemischten Gefühlen. Ich ließ mir das Ganze durch den Kopf gehen und beruhigte mich. Ich nahm das Ganze positiv – wie ich es immer tue. Ich lebe noch, ich atme noch, weiter geht’s!
Last und der Umgang damit
Dennoch hat sich in mir etwas verändert. Die Leichtigkeit hat wieder einmal einen kleinen Dämpfer bekommen und zum ersten Mal begleitet mich ein neuer Gedanke: Die Krebserkrankung arbeitet in mir. Ich spüre es nicht, aber sie ist da und sie arbeitet gegen meinen Körper. Mir war immer klar, dass ich irgendwann verlieren werde. Dieser Krebs ist Stand jetzt nicht heilbar – gut behandelbar zwar, aber nicht heilbar. Ich habe zu keinem Zeitpunkt meine Hoffnung auf einen Durchbruch in der Medizin hinsichtlich der Heilung gerichtet. Ich blicke dort nicht hin, weil ich es für Zeit- und Ressourcenverschwendung halte.
Ich bin überzeugt davon, dass ich dem Leben meine Aufmerksamkeit widmen muss und nicht meinen Erkrankungen. Sie werden mich eines Tages einholen. Sie werden eines Tages meine ganze Aufmerksamkeit einfordern. Bis dahin will und muss ich leben. Der Besuch bei der Hämatologin war ein erster kleiner Vorgeschmack auf das, was eines Tages kommen wird und ich kann nicht leugnen, dass es mir nicht gefallen hat. Es wird irgendwann sehr schwer werden – dessen bin ich mir sicher.
Interessanterweise aber nicht so sehr für mich. Auch an dieser Stelle bedarf es einer Erklärung. Ich betrachte den Tod mit anderen Augen. Ich versuche zunächst den pragmatischen Ansatz. Die Evolution zeigt, dass sich alles Leben entwickelt. Diese Entwicklungsschritte sind Anpassungen, die den vorherrschenden Bedingungen geschuldet sind. Einfaches Beispiel: Flossen machen an Land wenig Sinn. Hier sind Gliedmaßen wie Arme und Beine deutlich hilfreicher. Ihr versteht, was ich meine.
In diesem evolutionären Spiel gibt es aber ein Konzept, dass sich wie eine Konstante durch alle Entwicklungen zieht: die Vergänglichkeit. Alles Leben auf diesem Planeten entsteht und vergeht. Nüchtern betrachtet gibt es also nichts zu fürchten. Im Gegenteil.
Ein weiterer Aspekt, der mir die Angst nimmt, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die buchstäblich mit einem Lächeln auf den Lippen sterben. Ich lasse bewusst alle anderen Varianten vorerst außer Acht und konzentriere mich nur auf eben jene Menschen. Was auch immer der Grund sein mag, sie sterben mit einem Lächeln. Das lässt mich annehmen, dass der Tod für diese Menschen nichts Schlimmes dargestellt hat. Ich betrachte es aus einer mathematischen Sicht als einen Fakt. Denn – ich bleibe bei der Mathematik – wende ich die Beweismethode „Gegenbeispiel“ an, so ist es völlig unerheblich wie viele Aussagen ich über eine Theorie treffen kann, die diese Theorie bestätigen. Es genügt ein einziges Gegenbeispiel, um sie zu widerlegen. Genau in diesem Licht betrachte ich den Tod. Es mag noch so viele schmerzverzerrte, geschockte, ungläubige Gesichtsausdrücke beim Eintreten des Todes geben, es gibt eben jene, die es mit einem Lächeln oder zumindest einem friedlichen Gesichtsausdruck schaffen.
Der Tod ist für mich nichts, wovor ich mich fürchte. Das bedeutet aber weder, dass ich Todessehnsucht hätte, noch dass ich keine Angst empfinde. Die empfinde ich sehr wohl. Die Frage ist: WOVOR? Wovor habe ich Angst. Diese Antwort ist simpel: Ich habe Angst vor dem Sterben an sich. Jeder der einmal den Todeskampf eines Lebewesens – oder gar Menschen – gesehen hat, weiß dass dieser Vorgang nicht immer ein sanftes Weggleiten ist. Ich könnte an dieser Stelle genauso argumentieren, wie ich es beim Tod selbst getan habe. Ich betrachte aber an dieser Stelle differenzierter. Der Tod ist der Moment, in dem mein Körper seine Funktion ein für alle Mal eingestellt hat. Was mit meinem Bewusstsein, meiner Seele oder wie auch immer man den geistigen Aspekt bezeichnen möchte, passiert…ich weiß es nicht und es sorgt mich nicht. Hier und jetzt komme ich mit jeder Möglichkeit, die ich mir vorstellen kann, zurecht. Von einfach nichts bis die Seele existiert irgendwie, irgendwo weiter, kann ich in der Tat mit allem zurechtkommen.
Das Sterben ist eine andere Geschichte. Zumindest mein Körper ist noch hier und funktioniert – nicht mehr allzu gut, aber er funktioniert noch. Ob sich mein Geist löst – ich weiß es nicht. Dennoch wird auch er bis zu einem gewissen Punkt noch anwesend sein und mitbekommen, was passiert. Und genau an dieser Stelle greift meine Angst: Es könnte schmerzhaft sein, ich könnte mich hilflos fühlen, er könnte plötzlich sein…es könnte so vieles sein. Was auch immer es sein mag, auch das macht mir nicht die Angst. Meine Angst ist, dass es ein Sterbeprozess werden könnte, der mich der Möglichkeit eines Lächelns beraubt!
