Februar 28

Impulsive Entscheidungen

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Heile Welt und ein Donnerschlag

Bis letzte Woche Mittwoch stand meine Arbeitswelt auf einem soliden Fundament. Ich ging meiner Arbeit nach und durch eine längeren Zwangspause nach Krankheit und Lehrgängen war ich froh, endlich wieder „normal“ arbeiten zu können. Doch binnen weniger Minuten hat sich alles auf den Kopf gestellt.

Ein Anruf von meinem Chef am Mittwochmorgen, ein Gesprächstermin bei ihm am Nachmittag und Zack! Neuer Dienstposten, neue Möglichkeiten, neue Herausforderungen.

Was war passiert?

Die Dienststelle steht einer neuen Aufgabe gegenüber und es war notwendig personelle Veränderungen vorzunehmen. Ich wurde gefragt, ob ich ein Teil dieser Veränderungen sein möchte. Als ich hörte, worum es ging, wusste ich sofort, dass ich das annehmen möchte und so war das Gespräch nicht einmal zehn Minuten später beendet. So schnell die Entscheidung auch getroffen war, sie ist mir dennoch nicht leichtgefallen.

Ich habe mein Leben lang aus dem Bauch heraus entschieden und ich habe Menschen bewundert, die nachdenken, bevor sie handeln. Ich habe mit der Zeit festgestellt, auch diese Menschen treffen ähnlich viele Fehlentscheidungen, wie ich. Impulsentscheidungen sind im Grunde gar nicht so impulsiv, wie sie scheinen. Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich vieles schon im Voraus „zerdenke“. Ich antizipiere, wie man so schön sagt. Wenn dann durch Zufall eine Entscheidung ansteht, die ich irgendwann einmal „zerdacht“ habe, dann liegt die Antwort schon parat – und genau dann greift der Impuls.

Hier war das grundsätzlich nicht anders. Das letzte Jahr war freilich bewegt – nicht nur für mich. Das hat auch Spuren auf der Arbeit hinterlassen, bei meinen Kollegen, bei mir, bei meinem „Arbeits-Ich“. Als ich vor knapp zwei Jahren diese Stelle antrat, war ich – vorsichtig ausgedrückt – im Arsch. Ich hatte einen harten Arbeitskampf hinter mir, der mich in die Depressionen katapultiert hatte. Meine neuen Kollegen gaben mir Halt, heilten mich, bauten mich auf und es entstand eine Liebe, die ich am Mittwoch für immer losgelassen habe.

„Gehen, wenn es am schönsten ist.“

Ein Satz, den ich oft benutzt, aber noch nie gelebt habe. Egal ob Schule, Vereine, Arbeitsstellen…ich ging im Groll, wurde gegangen oder hielt es schlicht nicht mehr aus. Nicht dieses Mal. Als ich mich sagen hörte: „Ich mache es.“, schoss mir im gleichen Augenblick der Gedanke durch den Kopf: „Sag mal, hast du sie noch alle, du Idiot?“ Und doch: Es fühlte sich nach der exakt richtigen Entscheidung an.

Ich räumte bereits am Donnerstag einen Großteil aus meinem Büro und übergab meiner Kollegin meinen Büroschlüssel. Ein letztes Gespräch mit ihr und dann ging ich.

Ab Freitag verbrachte ich ein verlängertes Wochenende mit meiner Frau in Ottobeuren und zum ersten Mal nach diesem bewegten Jahr, empfand ich inneren Frieden. Es war ruhig in meinem Kopf.

Am Montagmorgen fuhr ich mit einer Mischung aus Vorfreude und Sehnsucht nach meinen alten Kollegen zu meiner neuen Dienststelle. Die Geschwindigkeit, in der diese Versetzung über die Bühne ging, war nicht nur für mich und meine alten Kollegen eine Überraschung. Es stellte sich heraus, dass auch meine neuen Kollegen von der Nachricht überfahren wurden und noch gar nicht so recht wussten, was sie mit mir anfangen sollten. Wir drehten eine Kasernenrunde und ich wurde den ersten „Schlüsselfiguren“ vorgestellt. Ich spürte sofort, dass die Atmosphäre, die Arbeitsumgebung ganz anders waren, als ich es kannte. Ich fühlte mich sofort willkommen und ich ahnte bereits, dass meine Entscheidung eine gute war und ich mich hier wohlfühlen würde.

Am Dienstag musste ich zurück in meine alte Dienststelle. Ich war froh, noch einmal dort sein und mich auch bei denjenigen verabschieden zu können, die ich donnerstags nicht gesehen hatte. So schwer der Abschied auch fiel, ich verlies die Dienststelle am Nachmittag mit einem guten Gefühl und freute mich, dass es nun endlich losging. Ich hatte einen kleinen Abschluss gefunden, den ich diesmal aus freien Stücken gewählt hatte. Ich fühlte mich frei.

Neue Aufgaben und die Wiederauferstehung einer alten Liebe

Der Rest der Arbeitswoche verlief großartig. Ich lerne immer mehr neue Menschen kennen. Mittwoch und Donnerstag waren geprägt durch eine Mischung aus Einarbeitung und Ausbildung. Besonders der Aspekt Ausbildung erfüllte mich sehr. Ich hatte eine erste Aufgabe. Ich durfte einem jungen Kollegen die Grundlagen vermitteln. Nach so vielen Jahren als Ausbilder und den zwei Jahren Zwangspause in genau diesem Bereich, fühlte es sich sehr gut an, endlich wieder ausbilden zu können.

Es hat mich schon immer erfüllt, Menschen auszubilden, Wissen zu vermitteln, ihnen eine Richtung zu zeigen und es ihnen zu ermöglichen, ihren Weg zu gehen. Ich habe Ausbildung nie als ein Diktat gesehen. Ich sehe darin vielmehr das Anhandgeben von Wissen und das Aufzeigen von Möglichkeiten, dieses Wissen so universell wie möglich einzusetzen. Den Auszubildenden die Fähigkeit zu vermitteln selbstständig auf einer vermittelten Wissensbasis neues Wissen zu erwerben und ihre Aufgaben zu erledigen.

Für mich ist Lernen ein zentraler Aspekt meines Lebens. Ich war immer neugierig. Ich versuche immer neues Wissen zu erwerben, immer Erfahrungen zu machen und selbst aus den kleinsten Kleinigkeiten Lehren zu ziehen. Mich zu bewegen. Kein Stillstand.

Diese Versetzung ist ein Ausdruck dessen. Ja, ich vermisse meine alten Kollegen – sehr sogar. Und doch:

Ich darf nicht stehenbleiben!

Die Zeit hält für keinen von uns an und das letzte Jahr hat mir gezeigt:

Bleibe ich stehen, läuft mir die Zeit davon.

Abschiede und Begrüßungen

Ich möchte mich bei euch - meinen Kollegen - bedanken. Ich verneige mich vor euch und dem, was ihr mir gegeben habt. Ich danke euch für eure Geduld und Hingabe. Die Art und Weise, wie ihr mich nach dieser schweren Zeit willkommen geheißen habt, wie ihr mir geholfen habt, diese traumatische Erfahrung zu überwinden…mir fehlen die Worte. Ich danke euch von ganzem Herzen.

Euch - meine neuen Kollegen - heiße ich genauso herzlich willkommen in meinem Leben, wie ihr mich willkommen geheißen habt. Ich habe mich von der ersten Sekunde an bei euch wohl gefühlt und ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine schöne und auch produktive Zeit verbringen werden.

Neugier

Wie entscheidet ihr? Impulsiv? Überlegt? Ich bin neugierig: Habt ihr schon impulsive, große Entscheidungen getroffen? Wie ist es euch damit ergangen?

Schreibt gerne, wie ihr euch mit euren Entscheidungen fühlt.

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  1. Impulsivität ist kein Makel.

    Sie ist der erste Herzschlag vor dem Schritt.

    Bevor der Verstand Tabellen zeichnet und Wahrscheinlichkeiten berechnet, gibt es diesen einen Moment – roh, klar, ungebremst.
    Ein innerer Stoß, der sagt: Jetzt. Nicht morgen. Nicht nach weiterer Absicherung. Jetzt.

    Und doch entsteht ein wahrer Impuls selten aus Leere. In ihm wirken Erfahrungen, gespeichertes Wissen und leise erlernte Muster, die schneller sind als jedes bewusste Abwägen.

    Was wie Spontaneität erscheint, ist oft verdichtete Klugheit – ein Vorwissen, das im richtigen Augenblick die Führung übernimmt.

    Ohne Impulsivität gäbe es kein erstes Wort eines Kindes, kein unerwartetes Lachen, keine Entscheidung, die ein Leben dreht. Jeder Aufbruch beginnt nicht mit Kalkulation, sondern mit einem Drängen. Der Mut kommt selten leise und geplant – er kommt als Impuls.
    Impulsivität ist die Erinnerung daran, dass wir nicht nur denken, sondern leben.

    Dass wir nicht nur reagieren, sondern wagen.
    Dass im Menschen etwas wohnt, das nach vorne will.

    Natürlich braucht der Impuls die Hand der Klugheit. Doch ohne den Impuls bliebe die Klugheit stehen.
    Impulsivität ist kein Fehler im System.

    Sie ist der Funke.

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