Reisen, Ausflüge und Arztbesuche
Es liegen wortwörtlich bewegte Wochen hinter mir. Ich war unterwegs. Mannheim – ein Lehrgang. Oberammergau – das neue Zuhause unserer Tochter. Dazwischen immer wieder Facharzttermine. Bahnfahrten, Autofahrten, Hotels, Übernachtungen im Flughafenterminal und immer wieder im Auto. Ja, es war etwas los.
Zu behaupten, es wäre nicht anstrengend gewesen, wäre glatt gelogen. Doch es war all die Mühen wert. Die Eindrücke, die Erfahrungen, die ungewohnten Abläufe. All das hat mich binnen kürzester Zeit verändert. Nachhaltig. Ich weiß wieder, wer ich bin, wer ich sein möchte, wo ich hingehöre und wie die nächste Zeit aussehen soll.
Zu weit in die Zukunft will ich nicht planen. Kann ich nicht. Die jüngsten Facharzttermin machen deutlich: Abseits von Krebs und Diabetes gibt es noch mehr Baustellen an und in meinem Körper, die bearbeitet werden wollen. Einerseits fühle ich mich für all das zu jung, andererseits lügen die Zahlen nicht. In einem viertel Jahr werde ich 50. „Ein gefährliches Alter für den Mann.“, sagte mein Vater vor nicht allzu langer Zeit. Ja, es scheint so.
Aber den Kopf in den Sand stecken? Das war noch nie mein Ding! Tatsächlich haben die Ärzte mehr Papier schwarz gemacht, als mir lieb ist. Jede Menge neuer Diagnosen und Verdachtsfälle, die noch weiter abgeklärt werden müssen. Dem gegenüber steht aber mein eigenes Körpergefühl und das sagt mir: Ich fühle mich so gut, wie lange nicht mehr.
Jetzt
In dieser Konstellation wird mir aber auch klar: Was immer du tun willst, was immer du noch vorhast, es muss sofort passieren. Kein Aufschub, keine Planung in eine weit entfernte Zukunft. Jetzt!
Jetzt – das Wort hat für mich eine völlig neue Bedeutung gewonnen. Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich gerne der Vergangenheit nachgetrauert. „Die guten, alten Zeiten.“ Das ist vollständig verschwunden. Ich habe Frieden mit meiner Vergangenheit geschlossen. Mehr noch: Meine Vergangenheit empfinde ich als Privileg. Ich hatte ein großartiges Leben – und noch ist es nicht vorbei!
Die Zukunft? Sie war immer ungewiss. Sie hat mir oft ein bisschen Angst eingejagt. Im Wesentlichen aber war sie für mich, wie ein Archiv. Ich habe dort alles geparkt, was im Jetzt keinen Platz hatte. Was für ein sinnloses Unterfangen, wie ich heute weiß!
Und da ist es wieder: das Jetzt. Jetzt ist meine Zeit. Das Jetzt ist zu einem verlässlichen Wegbegleiter geworden. Jetzt lebe ich – so viel steht fest. Über das Jetzt habe ich die Macht. Ich kann entscheiden – jetzt. Ich kann handeln – jetzt!
Im Jetzt zu leben hat mir Frieden gebracht. Das Jetzt kennt keine Sorgen und Ängste über die Zukunft. Es ist eine unendlich friedliche Zeit mit unendlichen Möglichkeiten und ich frage mich, warum es mir früher so schwergefallen ist, im Jetzt zu leben. Die Antwort darauf ist so einfach: Das Jetzt kennt keinen Erwartungsdruck, Er existiert schlicht nicht mehr. Er bestimmt nicht mehr mein Leben. Ich habe mich davon befreit – und der Schlüssel für mich, sind meine Reisen und Ausflüge. Die Zeit, die ich mit mir allein verbringen kann. Ich kann meine Gedanken in Ruhe ordnen. Der Personenkreis um mich herum ist so klein geworden. Überschaubar. Handhabbar. Die, die übrig sind, sind so wichtig, dass es zu keinem Zeitpunkt eine Last ist, für sie da zu sein. Es ist mir ein Bedürfnis für sie da sein zu können – und ich nehme auch dankend an, wenn sie für mich da sind.
Es kehrt Ruhe ein
Das Wort „Qualitätszeit“ kommt mir in den Sinn und sogleich muss ich mich zur Ordnung rufen! Ist Zeit nicht viel zu wertvoll, als dass man sie nicht mit Qualität verbringen sollte. Da fällt mir ein, dass mein Bewusstsein für Zeit und der sorgsame Umgang mit ihr, noch sehr neu in meinem Leben ist. Und doch fühlt es sich schon so selbstverständlich an.
Ich habe plötzlich Zeit. Zeit für die Dinge, die ich machen will. Zeit für das und diejenigen, die mir wichtig sind. Ein schönes, befreiendes Gefühl.
Jüngst habe ich wieder Zeit geschenkt bekommen. Die Diabetesvorsorge lief nicht, wie ich es mir erhofft hatte. Das Schilddrüsenultraschall hat Unregelmäßigkeiten gezeigt, die abgeklärt werden müssen. Meine tauben Fußzehen, mein schmerzender Daumen. Ich habe die Praxis mit einem ganzen Stapel Überweisungen verlassen – und einer Krankmeldung. In Kombination mit meinem genehmigten Urlaub hat es zur Folge, dass mein Arbeitsjahr beendet ist. Das gibt mir die Möglichkeit auszuruhen, Kraft zu schöpfen, um im neuen Jahr wieder voll da zu sein.
Ich möchte euch ermuntern öfter loszulassen. Seid mutig und lasst die Erwartungen anderer hin und wieder nicht an euch heran. Es lohnt sich.
