Weihnachten – die Zeit der Besinnung. So sagt man zumindest. Mich hat sie dieses Jahr zumindest nachdenklich gemacht. Für meine Familie und mich war es ein bewegtes Jahr. Vieles musste ich neu denken, neu ausrichten, neu leben.
„Ich bewundere, wie du damit umgehst.“
Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz nach meiner Krebsdiagnose gehört habe. Mindestens genauso oft habe ich folgenden Satz gehört:
„Was soll man auch anderes machen als so zu leben, wie du es gerade machst.“
Zwei Sätze, die nicht weiter von der Realität entfernt sein könnten. Das hat mehrere Gründe. Da ist zum einen das ich, dass mit beiden Sätzen Probleme hat, denn die Art und Weise, wie ich mit meinen Erkrankungen umgehe ist alles andere als leicht. Niemand sieht den Schmerz, niemand sieht die Tränen, niemand sieht die Kraft, die es mich kostet, diese Haltung zu bewahren.
Zugegeben: Ich lasse den dunklen Teil im Verborgenen. Er gehört mir! Ich wähle sehr genau aus, wer diesen Teil sehen darf und wann – und wie oft. Deshalb möchte ich mich nicht beklagen.
Ein anderer Teil von mir klagt sehr wohl! Beide Sätze werden den Menschen nicht gerecht, die es nicht schaffen, mit einer Krebsdiagnose umzugehen. Ich sehe diese Menschen. Sie schreiben mir. Sie begegnen mir. Meine endlosen Facharzttermin bringen mich mit ihnen in Kontakt. Dramen in Wartezimmern – immer und immer wieder. Ich empfehle wirklich jedem, sich mal eine Stunde in ein Wartezimmer einer Onkologie-Praxis zu setzen.
Für mich sind diese beiden Sätze Ausdruck von Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit und oft auch Oberflächlichkeit. Ich zweifle nicht daran, dass sie aufrichtig gemeint sind. Im Gegenteil. Aber sie helfen nicht – so gut sie auch gemeint sind. Tatsache ist, dass niemand, der nicht selbst betroffen ist, ahnt, was es bedeutet, mit einer solchen Diagnose zu leben. Nicht mal im Ansatz.

Manchmal ist Schweigen die ehrlichste Form von Nähe.
Ich weiß auch erst, seit ich selbst betroffen bin, was ich da früher von mir gegeben habe. Ich war genauso hilf- und sprachlos. Ich wollte aus solchen Gesprächen möglichst schnell wieder raus. Ich fühlte mich in Gesprächen mit Betroffenen unwohl – wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber man muss doch irgendwas sagen oder nicht? So dachte ich immer. Heute weiß ich es besser. Schweigen, eine Kunst, die ich gerade selbst mühsam lerne, ist manchmal mehr Zuspruch und Hilfe als eine hohle Phrase.
Und damit wäre ich auch beim Kern dieses Beitrags:
Weihnachten!
Die Zeit der Besinnlichkeit bedeutet für mich nicht, Werte, Menschen, Gedanken oder Taten für ein paar Tage wieder zu beleben und sie schon spätestens am zweiten Weihnachtsfeiertag müde, erschöpft und gelangweilt wieder von sich zu werfen. Nein! Schweigen, das ist für mich zu einem geeigneten Innehalten geworden. „Einfach mal die Fresse halten.“ – nicht für irgendwen, sondern bewusst – für sich selbst.
Einfach mal nicht kommentieren, nichts regeln, nichts klären. Aushalten. Tolerieren. Akzeptieren. Die Bühne nicht betreten, sondern Zuschauer bleiben. Keine Buh-Rufe, kein Applaus, keine Erwartungen, keine Vorwürfe, keine Rechtfertigungen und keine Lobeshymnen. Schweigen.
In diesem Sinne: Ich wünsche allen ein besinnliches Weihnachtsfest und ich möchte mich sehr für die Unterstützung und den Zuspruch bedanken. Auf in ein neues Jahr!
