Januar 19

Tattoos – Eine spät gelebte Sehnsucht

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Warum ich bisher keine Tattoos hatte

Ich wollte schon immer Tattoos. Als Teenager fand ich es cool, wenn beide Arme tätowiert sind – von den Fingern über Schultern und Hals bis hinter die Ohren. George Clooney hat diesen Wunsch, durch seinen Auftritt in „From Dusk Till Dawn“ noch verstärkt.

Als Teenager fehlte mir zuerst das Geld und ich war zu jung. Später – sichtbare Tattoos bei der Bundeswehr – damals undenkbar. Dann lernte ich meine Frau kennen, wir gründeten eine Familie…es kam nie dazu. Die Sehnsucht war aber immer da. Als die Kinder größer waren, die finanzielle Situation sich gebessert hatte und ich die Möglichkeiten gehabt hätte, betrachtete ich Tattoos kritisch. Nicht, dass sie mir nicht gefallen hätten, aber mittlerweile hatte gefühlt jeder eines und es ist eher außergewöhnlich keines zu tragen.

Mein erstes Tattoo und Tattoo-Tabus

Dieser Gedanke fühlte sich aber immer wie eine Ausrede an. Durch meinen Wandlungsprozess nach der Krebsdiagnose, fielen die Schranken und ich ließ mir „Still Alive“ auf die Finger tätowieren. Ich wollte von Anfang an ein ungewöhnliches Statement, dass sich nicht verstecken lässt. Ganz oder gar nicht! Die Hände sind dafür ideal und fünf Buchstaben auf vier Fingern unterzubringen…unkonventionell.

Ich liebte es, aber es sah so einsam und verloren aus. Ich hatte noch so viel Platz auf den Händen. Ich wollte, dass sich meine Hände in ein Statement verwandeln. Eine unumstößliche Wahrheit – meine Wahrheit – und jeder sollte sie sehen können…und ich? Ich wollte, dass es unbequem wird, es zu verstecken. Klar funktionieren Handschuhe, aber immer? Ich wollte, dass ich zu diesen Tattoos stehen muss. Sichtbar für immer.

Ja, ich hatte sogar die Idee, das Gesicht tätowieren zu lassen, aber das ist ein Tabu für mich.  Ich gebe zu, dass ich zunehmend mehr Menschen, mit Gesichtstattoos gesehen habe. In Mannheim schien es mir gar, dass ein solches Tattoo Pflicht ist, wenn man Tattoo-Artist sein möchte. Ich finde auch in einem gewissen Rahmen Gefallen daran, aber nicht in meinem Gesicht.

Alchemie und Astrologie – Sichtbare und unsichtbare Symbolik

Doch zurück zu meinen Händen. Recht schnell wurde mir klar, dass Symbole meine Finger zieren sollten. Spontan waren es die altertümlichen Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, sowie Widder, Mond und Mars. Diese Grundidee war gut, aber unvollständig. Ich analysierte: Es handelt sich bei den Symbolen um zwei Richtungen:

  • Alchemie und
  • Astrologie

Beides sind Themen, die schon immer in meinem Leben von großem Interesse waren. Ich dachte weiter nach: Ich hatte bereits jeweils fünf Buchstaben auf vier Fingern. Dieses Mal sollte der Daumen nicht leer ausgehen. Also: fünf Symbole auf jede Hand – fünf astrologische und fünf alchemistische. Das Alchemistische war schnell gefunden: der Stein der Weisen. Unedle Metalle in Gold verwandeln? Ewiges Leben durch das Elixier des Lebens erlangen? Das fügt sich doch in meine Situation, wie man es besser nicht erdenken kann!

Die erste Skizze auf einem kleinen Pos-It

Blieb die Astrologische Seite. Widder? Klar – mein Sternzeichen. Mars? Klar – der Herrschaftsplanet des Widders. Mond? Für mich auch glasklar. Ich liebe den Mond. Habe ich immer, werde ich immer. Ein stiller Begleiter unseres Planeten – eiskalt und doch wunderschön. Bei diesem Gedanken kam ich auf Jupiter – den Beschützer der Erde. Seine schiere Masse schützt uns vor einem Großteil der Meteoriten, die uns treffen könnten. Jupiter war gesetzt! Fehlte noch eines. Auch das dauerte nicht lange. So wie alchemistisch der Stein der Weisen ewiges Leben spendet, so tut dies auf der astrologischen Seite die Sonne! Was wären wir ohne sie?

Blieb die Frage offen: Wenn so viel Symbolik mit Hintergedanken auf meine Finger soll, dann darf das nicht alles sein. Ich wollte entscheiden:

  • Welches Thema – Astrologie und Alchemie – sollte auf welche Hand?
  • Welches Symbol auf welchen Finger?

Ich recherchierte weiter.

Die linke Hand steht für das Innen, das spirituelle, das Gefühl, das Unbewusste. Ideal für astrologische Zeichen. Die rechte Hand gilt als die Hand des Außen, des Handelns, des Willens und der Verantwortung. Genau richtig für die Alchemie.

Bleiben die einzelnen Finger:

  • Daumen: Willenskraft, Energie und Selbstbewusstsein (ein Feuer-Element)
  • Zeigefinger: Mut, Klarheit, Ehrgeiz und Führung (ein Luft-Element)
  • Mittelfinger: Gleichgewicht, Individualität und Ordnung, aber auch Konflikt
  • Ringfinger: Stabilität, Beziehung, Vertrauen und Erdung (also ein Erde-Element)
  • Kleiner Finger: Intuition, Kommunikation und Intelligenz

Was wohin? Die Entscheidung

Damit konnte ich arbeiten und legte mich fest:

Linke Hand – Astrologie

Daumen – Sonne

  • Identität, Ich, Zentrum
  • Daumen = Selbst, Griff, Wille

Zeigefinger – Jupiter

  • Sinn, Moral, Wachstum, Orientierung
  • Zeigefinger = Richtung, Lehren

Mittelfinger – Mars

  • Kraft, Konflikt, Durchsetzung
  • Mittelfinger = Grenze, Spannung

Ringfinger – Mond

  • Bindung, Emotion, Nähe
  • Ringfinger = Beziehung, Gefühl

Kleiner Finger – Widder

  • Ursprung, Impuls, Rohenergie
  • Kleiner Finger = Nerv, Reiz, Anfang

Rechte Hand – Alchemie

Daumen – Stein der Weisen

  • Integration, Ganzheit, Ziel
  • Daumen = Handlungsmacht

Zeigefinger – Feuer

  • Wille, Energie, Handlung
  • Zeigefinger = Tat, Richtung

Mittelfinger – Luft

  • Geist, Denken, Erkenntnis
  • Mittelfinger = Achse, Reflexion

Ringfinger – Wasser

  • Gefühl, Fluss, Bindung
  • Ringfinger = Beziehung

Kleiner Finger – Erde

  • Körper, Realität, Alltag
  • Kleiner Finger = Details, Umsetzung

Da war noch was

Doch das waren nur die Finger. Was sollte ich mit den Handrücken anstellen? Es sollte astrologisch sein, spirituell oder nicht greifbar. Fabelwesen, göttliche Wesen…ich suchte nach Motiven – und wurde fündig: der gefallene Engel (oder auch: Dark Angel). Ich fand viele Darstellungen und Beispiele – doch mich störte der Gedanke, an den gefallenen Engel. Das Leitbild war gut. Es passte zu mir – nach all den Fehlgriffen in meinem Leben und schließlich den Krankheiten. Aber das Sinnbild vom Fallen ist nicht zufriedenstellend, wenn man nicht wieder aufsteht. Ich suchte nach Motiven gefallener, wiederaufgestandener Engel. Die quantitative Ausbeute war mau, aber eines gefiel mir sofort. Der würde es werden. Linke Hand. Check!

Die rechte Hand fiel mir am schwersten. Einen Gegenspieler zum gefallenen Engel, der im besten Sinne etwas mit Handeln und dem Außen der rechten Hand zu tun hat. Mir fiel nichts ein. Es war eher ein Zufall: Ich sah eine junge Frau deren Hoodie der stilisierte Helm Lokis zierte – und da war die Lösung: Heimdall! Der Wächter über den Bifröst. Er entstammt den nordischen Sagen und bewacht die Regenbogenbrücke – den Bifröst, die Asenbrücke! Die Verbindung zwischen der Erdenwelt und dem Himmelsreich.

Ich musste auch nicht lange überlegen, wie er dargestellt werden sollte: In den Marvel-Verfilmungen (Thor) sieht er beeindruckend aus und – viel wichtiger – es passte optisch zu meinem gefallenen Engel.

Ich war komplett! Meine Hände würden mich täglich daran erinnern, dass ich aus zwei Teilen bestehe: Geist und Körper. Ich erkannte mich selbst wieder. Die spirituelle Seite, die ich nie geleugnet habe, genauso wie die Schaffensseite. Ich war schon immer offen für jeglichen Glauben einerseits und ich habe mich nie gescheut mir im Außen eine blutige Nase zu holen. Nun sollten beide Seiten für alle – insbesondere für mich – sichtbar sein.

Der Tag der Tage rückt näher

Anfang 2026 sollte geprägt sein von Lehrgängen – drei Stück an der Zahl. Hauptsächlich in Mannheim. Mir kam die Idee, dass ich die Abende damit zubringen könnte, meine Tattoos stechen zu lassen. Mannheim ist keine kleine Stadt und es sollte doch ein brauchbares Studio geben – zur Not auch in Ludwigshafen oder Heidelberg. Ich wurde fündig. „Ink District Mannheim“ sah mehr als vielversprechend aus. Es sah sogar so gut aus, dass ich dachte: „Das wird nicht billig.“ Der Kapitalismus sprang mir hilfreich zur Seite. „Black Friday“ heißt das Ding. Ich meldete mich zwanglos per E-Mail im Studio und umriss kurz mein Vorhaben. Es passierte…nichts. Ich ärgerte mich nicht sonderlich. „Es hat wohl nicht sollen sein.“, dachte ich und ging wieder meinem Alltag nach. In der Adventszeit dann ein Anruf. Es war das Tattoo-Studio.

Ich sprach über meine Ideen und schnell war klar, dass es vernünftiger und kostengünstiger wäre, einen Ganztagestermin zu buchen, statt die Motive einzeln stechen zu lassen. Ich überlegte nicht lange und nutzte die Gelegenheit. So bekam ich einen Termin zu den angebotenen Black-Friday-Konditionen. Sofort war Vorfreude spürbar. Nicht nur, dass meine Symbole Realität werden sollten, ich konnte auch direkt den nächsten Schritt machen. Eine unerwartete Gelegenheit!

Die Zeit verging und der Lehrgang rückte näher. Er sollte montags beginnen und bis Donnerstag laufen. Ich hatte den Freitag als Termin mit dem Studio vereinbart. Für mich die ideale Lösung, schließlich konnte ich auf einem Vier-Tage-Lehrgang nicht einfach 7 Stunden bei einem Tattoo-Artist auf dem Stuhl sitzen und den Lehrgang schwänzen. Mittwochs stellte sich dann heraus, dass wir mit den Lehrgangsinhalten durch waren und donnerstags nur noch eine kurze Wiederholung, sowie die Evaluation des Lehrgangs anstand.

Ich meldete mich direkt im Tattoo-Studio, um zu erfragen, ob es möglich wäre, den Termin um einen Tag nach vorne zu verschieben. Überraschung: Es war möglich! Mit einem Schlag war klar: Ich hatte keine 24 Stunden mehr!

Der Tag bei Ink District Mannheim

Endlich war es so weit. Ich betrat das Tattoo-Studio in Mannheim. Gangster-Rap und jede Menge Gesichts-Tattoos waren das erste, was mich beim Betreten einfing. Graffitis an der Wand und bequeme, stylische Sofas riefen sofort Wohlbefinden auf den Plan. Meine Nervosität legte sich fast augenblicklich. Olli nahm mich herzlich in Empfang und wir wechselten die üblichen Worte: Wer bin ich? Was will ich? Er stellte mir Tin Tin vor – der Artist – ein Thailänder, der meine Tattoos stechen würde.

Mit ihm besprach ich, was ich vorhatte. Er überzeugte mich davon, dass es eine ganze Menge für 7 Stunden sein würden und schlug vor, mit den beiden Motiven für die Handrücken zu beginnen und – falls dann noch Zeit sein würde – könnten wir die Symbole auf die Finger stechen. Ich überlegte: Mir waren die Symbole wichtiger als die Figuren, aber es ergab optisch Sinn. Die Symbole könnte ich im Zweifel bei einem Einzeltermin noch stechen lassen. Ich traf eine Entscheidung.

Der Artist, die Schablonen und die Ruhe vor dem Sturm

Tin Tin verschwand mit meinen Entwürfen und nach ca. einer dreiviertel Stunde war er mit den Schablonen zurück. Ich fand seine Ideen gut und wir verließen den Warteraum. Es wurde ernst. Alles war bereits vorbereitet. Der Stuhl, die Utensilien – alles stand bereit. Er mischte noch die verschiedenen Schwarztöne und setzte eine frische Nadel auf die Tätowiermaschine. Ein letztes Mal tief durchatmen…Stopp!

Ich wollte noch ein „Vorher“-Bild. Jetzt ging es los. Das Summen der Maschine, als er sie einschaltete, verursachte einen Schauer über meinen Rücken und dann berührte die Nadel zum ersten Mal meinen linken Handrücken. Es tat zuerst weniger weh, als ich dachte. Doch das war nur kurz der Fall. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich das Ganze in unfassbaren Schmerz. Es fühlte sich an, als würde er meine Hand mit einem stumpfen Messer bearbeiten. Wo die Nadel auch traf, es wurde nicht weniger. Ein Wenig Panik machte sich breit und ich fragte mich, was ich mir dabei gedacht habe. In mir brach ein Konflikt zwischen dem Teil aus, der diese Tattoos unbedingt wollte und dem, der die Schmerzen aushalten musste.

Schmerzen, Haltung und ein Körper außer Kontrolle

Ich versuchte äußerlich einigermaßen Haltung zu bewahren. Mein Körper durchkreuzte meine Pläne. Ich spürte den Schweiß auf meiner Stirn. Ein beklemmendes Gefühl machte sich breit. Ich spürte Fluchtimpulse. Ich versuchte mich zu beruhigen, den Schmerz zu akzeptieren. Es war kräftezehrend. Ich blickte auf die Uhr an der Wand. Es waren keine 10 Minuten vergangen. Panik begann sich auszubreiten und mit ihr kam das Gefühl einer Ohnmacht auf. Ich sagte mir selbstironisch: „Wenn ich ohnmächtig auf dem Stuhl liege, mache ich ihm die Arbeit leichter.“

Ich setzte diesen Gefühlen alles entgegen, was mir einfiel. Atemübungen gegen die Ohnmacht, ablenkende Gedanken. Nicht alles funktionierte, aber ich spürte, dass mein Körper den Widerstand allmählich aufgab. Es war so, als würde er akzeptieren, dass der Körperbesitzer keine Möglichkeit hat, dem Schmerz zu entgehen und so piesackte mich mein Körper nicht mehr mit Schweißausbrüchen und Panikattacken. Es wurde ruhiger. Was blieb war der Schmerz – unverändert intensiv, aber ich gewöhnte mich daran.

Nicht mehr gegen Ohnmacht kämpfend, fand ich die Ruhe, dem Artist bei der Arbeit zuzusehen. Ich sah, wie die Nadel die Farbe unter die Haut brachte. Stich für Stich, Millimeter für Millimeter. Er stach das Motiv äußerst detailreich. Ich konnte die Umrisse des Engelsgesichts bereits deutlich erkennen, dann die Kette. Jedes einzelne Kettenglied ein Kunstwerk. Ich beschloss zwischendurch Handybilder vom Fortschritt zu machen.

Ich hatte erwartet, dass er im ersten Schritt die gesamten Outlines stechen würde und anschließend mit der Füllung und den Schattierungen weitermacht. Er ging anders vor. Er stach die Outlines einzelner Bereiche, füllte und schattierte sie und machte dann mit dem nächsten Bereich weiter. Das fand ich interessant, denn so gab es Bereiche, die schon fix und fertig aussahen.

Akzeptanz und Neugier

Nach rund einer Stunde hatte ich mich vollständig an die Schmerzen gewöhnt. Das klingt so, als würde ich sie nicht mehr spüren. Das ist nicht der Fall. Sie waren unverändert, aber ich konnte nun vollständig damit leben, dass sie nicht verschwinden. Ich konnte sie aushalten. Ein seltsames, mir völlig neues Gefühl. Wie in einer Art Zwischenwelt, in der Schmerz zur permanenten Realität gehört. Schmerzhaft, aber nicht störend. Präsent, aber nicht hinderlich. Meine Gedanken funktionierten wieder wie gewohnt und der Schmerz verwandelte sich in eine Art selbstverständlichen Begleiter.

Gelegentlich überlegte ich, ob er nicht irgendwann eine Pause machen müsste. Ich stellte mir vor, wie es mir an seiner Stelle ginge. Ständig dicht mit den Augen am Motiv, nach vornüber gebeugter Haltung…ich hätte das ohne Brille schon gar nicht erst anfangen können und in der Haltung hätte mein Rücken vermutlich schon nach einer Stunde seine Mitarbeit beendet. Aber er saß das, tätowierte, wie eine Maschine und wir sprachen kein Wort. Man konnte seine Konzentration förmlich greifen.

Er war fast fertig mit der linken Hand, dachte ich – nicht ahnend, dass mir das Schlimmste noch bevorstand. Er stellte eine neue Farbe auf den Tisch und mischte sie an: Weiß. Er begann die Schattierungen mit weißer Farbe noch mehr zu akzentuieren. Was harmlos klingt bedeutete für mich ein völlig neues Schmerzlevel. War es anfangs noch die Assoziation mit einem stumpfen Messer, so fühlte sich das hier, wie ein Lötkolben an. Mein Körper begann sich unter den Schmerzen zu winden. Die Hand hielt er fest, wie ein Schraubstock und machte unbeirrt weiter. Dann endlich…er schaltete die Maschine aus und legte sie beiseite und grinste mich an: „15 Minuten Pause. Ich muss eine rauchen.“

Von Pausen, Zigaretten und Selbstironie

Ich folgte ihm, ging draußen wortlos zu dem benachbarten Kiosk und kaufte mir auch ein Päckchen. Wir unterhielten uns bei einer Zigarette vor der Tür. Ich erzählte ihm von meinen Schmerzen. Er war völlig unbeeindruckt: „Wenn du es nicht spürst, dann ist die Farbe nicht tief genug.“ Er erklärte mir, die Hand sei schwierig. Zu wenig Platz unter der Haut. Knochen dicht an der Oberfläche. Die Hand neige im Heilungsprozess zur Vernarbung, Farbe fiele aus der Haut, Weiß müsse man noch tiefer einbringen als Schwarz…ich hörte ihm zu, verstand und doch wollte ich das alles nicht hören, denn in meinem Kopf war schon ein anderer, alles beherrschender Gedanke: Das war erst die eine Hälfte! Ich rauchte direkt noch eine Zigarette.

Die zweite Hand war dran. Nun wusste ich aber, was mich erwarten würde und ich hoffte, das anfängliche Unbehagen, der Schweiß, die Ohnmachtsgefühle, würden diesmal ausbleiben. Die gute Nachricht vorweg: All das blieb tatsächlich aus. Die schlechte Nachricht war, dass meine rechte Hand offenbar schmerzempfindlicher war als die linke. Ich konnte von Anfang an besser damit umgehen, aber ich spürte einen deutlichen Unterschied. Es war definitiv schmerzhafter. Dennoch wechselte ich die Perspektive. Ich war nun mehr Beobachter.

Wieder im Selbstironie-Modus, dachte ich schon vorfreudig an die Handkanten. Sie waren die Hölle – auf beiden Seiten. Dünne, im Alltag kaum beanspruchte Haut – eine der weichsten Stellen an der Hand. Sie mit einer Nadel zu bearbeiten ist kein Vergnügen. Ich fragte mich, ob meiner Körper irgendwann doch abbauen würde. Die ersten drei Stunden waren körperlich anstrengend, würde das bei der anderen Hand irgendwann zur völligen Erschöpfung führen? Immerhin verstand ich jetzt all die Erfahrungsberichte, die ich über Jahre gehört hatte. Vor über zwei Jahrzehnten formulierte es ein Freund von mir so: „Du musst einen Weg finden, mit den Schmerzen umzugehen.“ Besser könnte ich es nicht beschreiben.

Wir näherten uns dem Punkt, an dem die Weiße Farbe wieder aufzubringen war. Ich verkrampfte leicht. Allein die Vorstellung, dass er mit seiner Nadel noch einmal Hautpartien bearbeiten musste, die schon gereizt und verletzt waren, brachte Bilder in mein Bewusstsein, die alles andere als hilfreich waren.

Finale – Erlösung, Erschöpfung und Erkenntnis

So, wie ein Sportler auf den letzten Metern noch einmal alle Reserven abrufen muss, biss ich ein letztes Mal die Zähne aufeinander und mit einem Schlag war alles vorbei. Er schaltete die Maschine ein letztes Mal aus: „Fertig.“ Er trug den Reinigungsschaum auf, ließ ihn einwirken und wischte ihn ab. Das Ergebnis war…nicht in Worte zu fassen. Ich war sprachlos – buchstäblich. Beeindruckt, froh, stolz – ein unbeschreiblicher Gefühlssturm. Er cremte die Tattoos ein und wir gingen in ein kleines Fotoatelier, um die obligatorischen Bilder für die Social-Media-Kanäle des Studios zu machen. Ich bekam die Aufnahmen und Videos ebenfalls zur freien Verfügung aufs Handy.

Jetzt spürte ich die Erschöpfung deutlich – aber da war auch ein anderes Gefühl. Ein unerwartetes: Ich fühlte mich vollständig.

Ich bezahlte die vereinbarte Summe und ging meiner Wege. Es lag noch viel vor mir – die vollständige Story dazu findet ihr in meinem Beitrag über die Reise nach Mannheim.

Die Story meiner Tattoos ist um ein Kapitel größer geworden, aber sie verlangt nach weiteren. Ich verstehe nun jeden der sagt, er könne einfach nicht damit aufhören. Ich empfinde ebenso. Was ich allerdings nicht kann: Ich kann es nicht erklären. Es ist ein Gefühl, ein Wunsch, ein Drang, der nun einfach da ist – ohne Erklärung, wo es herkommt, ohne Begründung, warum es da ist, wohnt dieses Gefühl nun in mir. Für den Moment jedoch bin ich bedient und froh, dass meine Hände jetzt Zeit zur Heilung bekommen. Auch jetzt – 4 Tage später, brennt die Haut noch immer, wenn ich sie berühre. Die Rötungen verschwinden sichtbar, der Heilungsprozess geht voran und bisher ist keine Farbe aus der Hand gefallen. Die Haut sieht nicht so aus, als würde sie vernarben. Alles ist glatt und ich pflege sie intensiv mit Tattoo-Creme. Es ist noch zu früh, um sich sicher zu fühlen, aber bisher sieht der Heilungsprozess besser aus, als damals bei meinen Fingern – und dieses erste Tattoo ist schlussendlich auch perfekt verheilt.

Die Symbole sind auf jeden Fall ein Projekt, dass ich dieses Jahr noch durchziehen will. Basierend auf den Erfahrungen mit dem „Still Alive“-Tattoo, ist der Aufwand – zeitlich, wie finanziell – überschaubar. In Summe bin ich froh, dass ansonsten nicht mehr viel Platz auf den Fingern ist. So komme ich nicht in Versuchung an den Händen noch allzu viel machen zu lassen. Ich wusste im Vorfeld, dass die Hände mit Schmerzen und möglicherweise auch mit Komplikationen verbunden sind, aber frei nach Peter Seller: „Nichts, was sich lohnt, ist einfach.“

Gibt es etwas, dass ihr schon immer tun wolltet, aber erst eine Schranke fallen musste, um es umzusetzen?

Ein unfassbares Ergebnis. Danke Ink District Mannheim.


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