Januar 18

Tag 4 – Ein letzter, denkwürdiger Tag in Mannheim

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Aufregung und Vorfreude pur

Ich konnte vor Aufregung gar nicht richtig schlafen. Halb vier war ich wach. Um sechs Uhr ein letztes Frühstück im Hotel. Naturjoghurt und Haferflocken – von beidem reichlich. Schließlich muss mich das den ganzen Tag über fit halten. Da ich reichlich Zeit hatte, gönnte ich mir auch zwei Kännchen Tee. Pfefferminze und Kamille. Irgendwie musste ich versuchen, die Erkältung so klein wie möglich zu halten. Aspirin kam wegen des Tattoos nicht mehr in Frage.

Ein letzter Gang ins Hotelzimmer, Gepäck holen, auschecken und ab in den Hörsaal. Der letzte Unterricht sollte nur eine Stunde gehen – es ging noch schneller. Mir kam es endlos vor. Meine Gedanken drehten sich nur noch um die Tattoos. Die Nervosität stieg. Darunter mischte sich die Angst vor den Schmerzen. Die Finger waren schon nicht lustig, aber das waren nur 45 Minuten. Das hier war etwas anderes. Sieben Stunden abzüglich der Zeit, die er für die Schablonen benötigen würde.

Ruhe vor dem Sturm

Nach dem Unterricht fuhr ich mit den Öffis zum Tattoo-Studio – ich war zwei Stunden zu früh. Gegenüber war ein Café. Perfekt! Sie würden mich dort zwei Stunden beherbergen müssen – sie taten es. Ich gönnte mir noch eine Käselaugenstange, einen Kaffee und zwei Tees.

Dann war es endlich so weit. Ich betrat das Studio – Gangster-Rap und kein Tattoo-Artist ohne Gesichts-Tattoo. Schnell war klar: Der mit den meisten war meiner. Ein Thailänder. Superfreundlich – ich fühlte mich sofort wohl bei ihm. Wir besprachen meine Wünsche. Es war eine Menge für sieben Stunden, aber er ging es locker an. Es dauerte keine Stunde und die Schablonen waren fertig. „Wir schauen, wie weit wir kommen“, sagte er. Ursprünglich legte ich Wert auf die astrologischen Symbole für Widder, Sonne, Mond, Mars und Jupiter, sowie die alchemistischen Symbole für Feuer, Wasser, Erde, Luft und den Stein der Weisen auf meinen Fingern. Er überzeugte mich davon, mit den Handrücken anzufangen. Den gefallenen Engel und den Wächter würde er in der Zeit schaffen.

Die ersten Stiche

Also legte er los. Die ersten Stiche waren schmerzhaft, aber ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Das wurde es auch – schnell! Nach rund zehn Minuten wusste ich, es wird hart! Was hatte ich mir nur dabei gedacht, ich Idiot? Nicht nur, dass die Motive komplex waren, es musste auch eine Menge Farbe unter die Haut. Relativ schnell hatte ich Schweißperlen auf der Stirn und dachte, ich würde in Ohnmacht fallen. Außer dem Schweiß ließ ich mir nach außen nichts anmerken. Ich hatte es so gewollt, jetzt musste ich durch.

Nach einer halben Stunde hatte mein Körper aufgegeben. Er quälte mich nur noch mit Schmerzen und ich stellte fest: An die konnte man sich gewöhnen. Rückblickend waren die Handkanten die miesesten Schmerzen, die ich je gefühlt habe. Nicht nur des reinen Schmerzes wegen. Nein, es wollte einfach nicht enden. Nach drei Stunden ohne Pause legte er die Nadel beiseite: „Viertel Stunde Pause. Ich gehe eine rauchen.“ Ich folgte ihm. Ich brauchte auch eine. Ich war völlig fertig.

Eine hin, eine im Sinn

Nach 15 Minuten und zwei Zigaretten ging es dann auch weiter. Die rechte Hand war schmerzempfindlicher. Dort tat es von Anfang an richtig weh. Ich freute mich schon auf das Weiß zum Schluss. Das muss tiefer unter die Haut. Da dachte ich schon bei der linken Hand, er würde es mit einem Lötkolben aufbringen. Letztlich lief es aber genauso ab, wie links. Sieben Stunden – ich war körperlich und mental völlig fix und fertig. Es wurden noch die obligatorischen Bilder und Videos für Social Media gemacht und dann kam ein letzter Gewaltakt für diesen Tag.

Der letzte Akt

Ich musste noch zum Frankfurter Flughafen. Da ich wieder einmal mit dem Deutschlandticket unterwegs war – ich liebe das Ding – hätte ich es zeitlich nicht mehr von Mannheim nach Hause geschafft. So war klar, dass ich eine Nacht auf dem Flughafen verbringen musste. Mein Freund fragte, warum ich nicht einfach noch das Hotel einen Tag länger gebucht habe. Berechtigte Frage, aber das wäre ja zu einfach gewesen. So bin ich nicht gestrickt.

Also ein letzter Ritt mit den Regionalbahnen. Unterwegs habe ich noch mit einem alten Bundeswehrkameraden gechattet. Er war unterwegs nach München. Ich war ein bisschen neidisch. Nicht nur wegen des Reiseziels. Er saß in einem bequemen ICE. Ein Luxus, den ich mir in meiner momentanen Verfassung auch gewünscht hätte. Nein, ich musste erstmal mit Bus und Straßenbahn quer durch Mannheim und dann nach Frankfurt – inklusive Umstieg in Mainz und Frankfurt-Hoechst.

Nachtlager mit Hindernissen

Die letzte Etappe musste ich mit dem Nachtbus nehmen. Völlig fertig bin ich dann noch auf der Suche nach etwas essbarem auf dem Flughafen umhergeirrt. Nicht mal den McDonald‘s habe ich gefunden und so entschied ich mich zu schlafen. Ich hatte nicht mal mehr Lust ins ruhige Terminal 2 zu fahren. So blieb ich im Terminal 1 – ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte.

Anfangs war es noch gut. Ich fand eine Ruhezone, ähnlich der, die ich schon im Terminal 2 vor Monaten genutzt hatte. Allerdings herrschte im Terminal 1 noch reger Publikumsverkehr. Es kam aber noch schlimmer: Ich musste feststellen, dass der Flughafen auch für seine Handwerker keine Ruhezeiten kennt. Die ganze Nacht wurden Bauarbeiten durchgeführt. Bohrer, Presslufthammer, Säge – alles kam zum Einsatz. Ich war dennoch so müde, dass es mir gelungen ist, vier Stunden zu schlafen. Viel mehr wäre sowieso nicht gegangen, ich wollte so früh wie möglich die Heimreise antreten.

Ich testete noch die kostenlosen Waschräume am Flughafen. Ich hätte sogar duschen können, aber das wollte ich nicht. Zähneputzen, Katzenwäsche und los. Die Bahn hat sich von ihrer besten Seite gezeigt und ich war nach vier Stunden und drei Umstiegen zu Hause.

Fazit

Für mich müssen es keine Urlaubsreisen sein. Ein Lehrgang, eine Dienstreise, ein Ausflug – mir ist alles willkommen, was mich Neues sehen, Neues erleben lässt. Kleine Fluchten. Mannheim ist für mich zu einem besonderen Ort geworden, den ich nun buchstäblich auch unter der Haut trage. Ich habe sowohl bei diesem als auch bei meinem ersten Lehrgang in Mannheim, neue und interessante Menschen kennengelernt. Auch die Stadt, die mich bei meinem ersten Besuch wenig beeindruckt hat, verdient einen zweiten Blick und ich freue mich schon, in drei Wochen wieder hier sein zu können.

Was die Tattoos betrifft, bedarf es an dieser Stelle wenig Worte. Einerseits waren es nur sieben Stunden eines viertägigen Aufenthalts, andererseits ist es für mich so bedeutungsschwer, dass ich über sie schreiben muss – aber nicht im Rahmen dieses Reiseberichts. Meine Tattoos bedeuten mir so viel, dass ich ihnen einen würdigen und angemessenen Platz in diesem Blog widmen möchte.

Bleibt also dran. In Kürze folgt mehr.


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