Auf der Suche nach Ruhe
Die letzten 6 Wochen waren nicht einfach. Ich war krankgeschrieben. Viele neue Unregelmäßigkeiten wurden durch die Ärzte festgestellt. Ich bin nach wie vor dankbar, dass ich all diese Facharzttermine wahrnehmen darf, aber einen Nachteil haben sie doch: Jeder dieser Ärzte findet auch etwas. Natürlich tun sie das. Sie sind Ärzte und ich bin kein neues Modell mehr. Die 50 steht dick und fett am Horizont. Keine 3 Monate mehr und ich bin ein halbes Jahrhundert alt.
Logisch, dass mein Körper – das Vehikel für meinen Geist – Verschleißerscheinungen zeigt. Sie alle werden nun sichtbar. Spurlos geht das nicht an mir vorbei – ganz bestimmt nicht. Anfang Dezember brach es bei meinem Hausarzt aus mir heraus. Weder laut noch dramatisch, aber doch deutlich vernehmbar. Er hat mich vorsorglich aus dem Verkehr gezogen. „Depressive Verstimmung“ nannte er es. Durch meine 14-jährige Depressionserkrankung neige ich schneller dazu in solche Zustände abzugleiten. Ich kenne das und weiß damit umzugehen.
Es tut mir leid Kollegen
Dennoch fühlt es sich nie gut an. Das lange Fernbleiben von der Arbeit bringt nicht nur Entlastung. Es bringt auch Belastung. Es schwingt immer ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kollegen mit. Mir ist bewusst, dass sie meinen Teil der Arbeit auffangen müssen – ein unschönes Gefühl. Es ist aber nicht das einzige Gefühl, das an mir genagt hat. Es blieb Zeit, über mich selbst nachzudenken. Ich sehe mich selbst als positiven Menschen, was aber nicht heißt, dass ich nicht durch – wortwörtlich – schwere Zeiten gehe.
Besondere Zeit
Die Vorweihnachtszeit ist für mich immer eine besondere Zeit gewesen. Sie stimmt mich immer nachdenklich. Die Jahreszeit hat ihren Anteil daran. Ich versuche meine Krebserkrankung so gut ich kann aus meinem Alltag herauszuhalten. Ich möchte das Thema nicht zu groß werden lassen. Das wird es irgendwann von allein. In den letzten sechs Wochen ist mir das nicht so gut gelungen. Zu viel haben die Fachärzte gefunden. Zu viel ist nicht eindeutig und bedarf weiterer Abklärung. Zu viele Fragen sind offen. Die Last ist groß, aber ich möchte andere damit nicht belasten. Vor allem nicht meine Familie. Sie haben genug zu tragen.
Das Erbe
Ich habe mich in den letzten sechs Wochen auch sehr wenig hier im Blog geäußert. An meinem Buchprojekt sehr wenig bis gar nichts getan. Die Last der Gedanken drohte mich zeitweise zu erdrücken, also habe ich mich auf anderes konzentriert. Ich habe begonnen, mein Leben auszumisten – physisch. Durch den Tod meines Schwiegervaters im November, wurde mir bewusst welche Mammutaufgabe ich hinterlassen werde, wenn mein Leben endet. Das, was ich bin wird für die Hinterbliebenen ausgebreitet vor ihnen liegen. Sie werden Dinge über mich herausfinden, die sie nie gesehen haben. Jeder von uns hinterlässt ein solches Erbe.
Es wirkt verstörend, wenn man einen Menschen, den man glaubte gekannt zu haben, neu kennenlernt. Ich möchte nicht mal sagen, dass man die finstere Seite kennenlernt. Sie wirkt nur so, weil sie buchstäblich für alle im Dunkel lag. Ich fürchte mich nicht vor dem, was die Nachwelt über mich herausfinden wird. Es gibt nichts, wofür ich mich zu schämen hätte.
Ausmisten
Dennoch möchte ich ausmisten – schon um meinetwillen. Ich möchte es leichter machen hinter mir „aufzuräumen“. Ich möchte Ordnung schaffen, leichter werden, Ballast abwerfen. Ich möchte so weit wie möglich alles bis aufs Fundament abreißen. Das Fundament ist gut. Mein Leben stand immer auf einem stabilen, zuverlässigen Fundament und es ist sinnlos, wenn nicht gar unmöglich, auch das wegzuwerfen.
Das, was vor mir liegt, kann ich nicht vorhersehen, aber ich spüre, dass es sich grundlegend ändert. Es ist nicht mehr die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte – und das ist sehr gut! Ich habe (notgedrungen) den Mut gefunden, mein Leben wirklich zu leben und wenn mir in den letzten sechs Wochen eines klar geworden ist, dann dass vieles aus meinem bisherigen Leben im Weg steht. So ist das Ausmisten eine logische und notwendige Konsequenz. Physisches Ausmisten ist einfach zu haben. „Wegwerfen“ ist leicht zu haben. Anfangs geht es klein los. Zuerst das, was wirklich nicht gebraucht wird.
Erleichterung
Ist das erstmal entsorgt, stellt sich eine erste Erleichterung ein und der Prozess beginnt von vorne. Alles, was noch übrig ist, kommt erneut auf den Prüfstand. Durch das erste Wegwerfen hat sich die Grenze verschoben. Es fällt leichter, weiteren Ballast abzuwerfen. Es wird zwar mit jeder neuen Iteration schwieriger, weil sich der Bestand dezimiert und die übrigen Dinge nun doch eine höhere Relevanz haben, aber der Prozess geht für mich weiter.
Heute ist der Tag, an dem ich zu diesem Vorgang einen nötigen Abstand gewinne. Ich reise nach Mannheim. Ein Lehrgang. Nicht der schlechteste Start wieder mit dem Arbeiten zu beginnen. Ich bin dankbar, dass ich mich nicht den „Frohes neues Jahr. Wie geht es dir?“-Gesprächen stellen muss. Fremde Menschen, fremde Umgebung und Zeit für mich ganz allein – ich bin wirklich froh damit. Der Anfang einer Reise beinhaltet für mich immer auch Schwere. Die plötzliche Einsamkeit, neue Orte, raus aus der gewohnten Routine…der Kopf sucht nach Ersatz.
Herdentiere und das Ersatzprogramm
Wir Menschen sind Herdentiere, sind auf Gesellschaft programmiert. Fehlt sie, sucht der Kopf nach Ausgleich – und findet ihn in sich selbst! Die Gedanken, die dann aufkommen, fühlen sich oft schwer an, sind aber ein gutes Zeichen. Das habe ich gelernt. Sie bringen Klarheit – vorausgesetzt, man misst ihnen den richtigen Stellenwert bei. Anfangs ziehen sie mich noch leicht in die Tiefe, aber solange ich in Bewegung bin, zieht der Kopf schnell nach und die Welt wird leicht. Ich beginne mich auf die Reise einzulassen, kann die Eindrücke aufnehmen. Vorbeiziehende Landschaften, Gesprächsfetzen im Zug, ich gewöhne mich an immer neue Gesichter, die in den Zug ein- und aussteigen.
Endlich kehrt Ruhe ein
Ich finde Ruhe in mir selbst, kann still dasitzen und beobachten. Ich muss nichts verhandeln, nichts bewerten, nichts verstehen. Ich darf einfach sein. Ein schönes Gefühl. „Angel of Death“ von Thin Lizzy klingt aus meinen Kopfhörern und ich spüre, wie die Musik mich verändert. Die vorbeiziehende Schneelandschaft, der Rhein und die Dunkelheit der Nacht, die sich langsam in einen grauen, hellen Tag verwandelt, vermitteln mir Ruhe und Gelassenheit.
Es ist das psychische Aufräumen, das auf das physische Ausmisten folgt. Ich erkenne und akzeptiere, dass ich reisen muss. Ich brauche es, wie die Luft zum Atmen. Es ist eine tragende Säule, die ihren Platz auf meinem Fundament gefunden hat. Sie befindet sich noch im Aufbau, aber sie steht unverrückbar. Viel zu lange habe ich mir das nicht gestattet. Gut möglich, dass dieser Umstand dazu beigetragen hat, mich über die Jahre krank zu machen. Ich ahne, dass ich mich durch meine innere Haltung selbst sabotiert habe. Mir ist aber auch bewusst, dass ich einen Weg finden muss, mein Umfeld mitzunehmen. Ein Zurück gibt es nicht mehr, aber das bedeutet nicht um jeden Preis.
Diejenigen, die wichtig sind, sollen bleiben. Das geht nicht mit einem Paukenschlag. Vielleicht ist es sogar möglich ihnen ein Vorbild zu sein, mutiger zu werden, sich selbst zuzulassen. Ich würde mich freuen, wenn dies gelänge, setze aber die Erwartungen nicht allzu hoch. Mir genügt es, wenn die Verbindung nicht abreißt – wenn ich Teil von ihnen bleiben darf.
Eine Obsession, die nicht weichen soll
Und dann ist da noch dieser besondere Tag diese Woche. Ich habe einen Termin im Tattoo-Studio. 7 Stunden sind vereinbart. Zeit genug, um weiter an meinen Händen arbeiten zu lassen. Die Vorfreude ist schier grenzenlos. Ein unbeschreibliches Gefühl. Noch wird nicht verraten, was gestochen wird, aber ich hoffe, dass wir alles in der Zeit hinbekommen. Ein lebenslang unterdrückter Wunsch und endlich lasse ich es zu. Das Summen der Nadel, der Schmerz…ich begreife – und fühle – die Sucht.
Ich bin wieder auf Reisen und nach der Schwere folgt endlich die Leichtigkeit, die Klarheit, die mich am Leben halten.
Was unterdrückst du? Sei mutig und sprich es hier aus. Es zwingt dich nicht zum Handeln, aber es auszusprechen hilft vielleicht, den ersten Schritt zu tun, um es eines Tages zuzulassen.
