November 29

Mit dem Deutschland-Ticket nach Oberammergau (Teil III) – Rückreise: Ein Tag zwischen Abschied, Begegnungen und einem neuen Leben

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Manchmal ist die Rückreise nicht das Ende einer Reise.

Manchmal ist sie der Anfang von etwas anderem.

Ein Morgen mit Motoren – und der letzte Abschied

Der Sonntag begann wie schon der Tag zuvor: früh. Sehr früh. Denn es stand das Rennen in Las Vegas an. Ich liebe diesen Sport.

An diesem Morgen war er mehr als Unterhaltung. Er war Struktur. Ein Ritual, das Stabilität gibt, wenn sich das eigene Leben neu sortiert. Max Verstappen fuhr wie eine Naturgewalt und ich dachte:

So will ich wieder durchs Leben gehen. Unbeirrt. Fokussiert. Entschlossen.

Nach dem Rennen packte ich meine Sachen. Der Abschied von meiner Tochter war nicht dramatisch, aber bedeutend. Wir haben beide gelernt, nicht aus Besitz heraus zu lieben, sondern aus Verbindung.

Sie brachte mich zum Kasernentor. Minusgrade. Dunkelheit. Der Bus kam pünktlich. Ein kurzer Moment, eine schnelle Umarmung – dann war sie weg.

Schienenersatzverkehr, der keiner war – und eine Begegnung, die nachhallt

Am Bahnhof wartete kein Zug, sondern ein Taxi. Schienenersatzverkehr. Ich stieg ein, zusammen mit einer jungen Frau, deren Akzent mich glauben ließ, sie sei Holländerin. Ich lag falsch. Südafrikanerin.

Ein weißer Transporter mit der Aufschrift „Alpen-Taxi.de“ steht im verschneiten Oberammergau und wird als Schienenersatzverkehr genutzt; im Hintergrund Bushaltestelle, Häuser und schneebedeckte Berge.

Wenn der Zug nicht fährt, springt das Taxi ein.

Muttersprache: Afrikaans.

Wohnort: München.

Studium: Maschinenbau.

Wir redeten, als hätten wir uns auf einer langen Reise zufällig an einer Grenze getroffen. Zwanglos, warm, offen. Ihre Geschichten aus Südafrika trugen einen ganz eigenen Rhythmus. Ich hörte zu. Gern. Ehrlich.

Der Taxifahrer klinkte sich ein. Ein Garmischer Original. Berge, Schnee, Skifahren, Touristen – sein ganzes Leben in Anekdoten verpackt. Für ein paar Minuten waren wir zu dritt: ein Garmischer, eine Südafrikanerin und ich – vereint durch nichts weiter als eine Fahrt im Morgengrauen.

Das ist das Alleinreisen:

Momente ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Reine Gegenwart. Menschen, die sich nur einmal treffen und trotzdem etwas voneinander mitnehmen.

Wir stiegen in Murnau aus und gingen wortlos auseinander. Kein Name. Keine Nummer. Kein „Melde dich“. Nur ein kurzer Blick: Danke – und weiter.

Zug um Zug – und der innere Wandel wird greifbar

Die Rückreise bestand aus einer Kette von Umstiegen. Regionale Züge. Kurze Wege. Kaum Verspätung. Die Landschaft flog vorbei und ich spürte etwas, das ich seit Jahren nicht mehr so klar gefühlt hatte:

Frieden. Nicht dieses fragile „Ich hoffe es bleibt so“, sondern echtes, unverrückbares Stillwerden im Inneren. Ich spürte, dass ich seit Monaten damit beschäftigt gewesen war, alte Fesseln abzuwerfen.

Stück für Stück. Themen, Menschen, Belastungen, Erwartungen und an diesem Sonntag wurde mir klar:

Ich bin wieder handlungsfähig. Ich bin wieder ich. Nicht der verlorene Soldat. Nicht der verletzte und gekränkte Mann, sondern der Mann, der seine Erkrankungen trägt wie Ausrüstung – nicht wie Fesseln.

Ich wusste:

Der Weg durch den Schmerz hatte sich gelohnt. Ich war zurück. Scharf. Ruhig. Wach.

Die letzte Etappe – eine Bimmelbahn und ein Zuhause

Die letzte Verbindung des Tages war ein Kontrastprogramm:

Eine Bimmelbahn den Rhein entlang. Langsam, ruckelig, dunkel.

Bei Tageslicht wäre es eine Postkartenfahrt gewesen. In der Dunkelheit klang es eher nach einem endlosen Tunnel, aber ich empfand keinen Frust. Im Gegenteil. Es war der perfekte Übergang zwischen der Welt da draußen und der Welt daheim.

Regionalzug der RheingauLinie steht abends am Bahnsteig in Mainz, bereit zur Abfahrt nach Koblenz.

Abfahrt am späten Abend: die RheingauLinie als Heimweg nach einer langen Reise.

In Koblenz holte mich meine Frau ab. Sie ersparte mir die letzte Busfahrt. Ein kleines Geschenk. Ein stilles Zeichen von Nähe. Zuhause warteten Döppekooche, eine Dusche und ein Bett. Ich fiel hinein wie ein Wanderer, der den Berg bezwungen hat.

Fazit: Die Rückreise war mehr als ein Heimweg

Sie war ein Spiegel:

für das, was ich losgelassen habe, für das, was bleibt und für das, was mich in den nächsten Monaten antreibt.

Ich habe auf dieser Reise gemerkt:

Ich brauche die Alpen.

Ich brauche die Wege.

Ich brauche die Bewegung, um mich selbst zu hören.

Und ich habe gemerkt:

Ich bin frei.

Ich bin klar.

Ich bin bereit.

Das Kapitel, das mich gefangen hielt, ist abgeschlossen. Nicht verdrängt. Nicht weggeschoben. Abgeschlossen!

Ich stehe wieder fest auf beiden Beinen. Ich blicke nach vorne – auf die Alpen, auf meine Familie, auf mein Leben und ich weiß:

Der nächste Aufbruch kommt bald.

Und ich werde bereit sein.


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  1. liest sich immer wieder spannend schön
    Und regt zum Nachdenken an – dankeschön dafür.
    Ich hoffe und wünsche für dich, dass diese Elebnisse dein aktuelles und zukünftige Leben positiv beeinflussen.

    de Vadder

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