Eine Reise beginnt immer im Kopf. Diese begann im Moment des Aufbruchs.
Vorbereitungen – Der Reiz des Ungeplanten
Der Plan war so einfach, dass er fast lächerlich wirkte:
Mit dem Deutschland-Ticket von Polch nach Oberammergau. Einen Tag mit meiner Tochter verbringen. Dann zurück. Fertig.
Ich spielte die Optionen durch:
Freitag früh los oder bereits am Donnerstag aufbrechen, irgendwo übernachten und am Freitag entspannt ankommen?
Bahnhöfe boten sich an. Hotels auch. Aber mein Blick blieb an einem Ort hängen, der alles in mir zum Klingen brachte: Frankfurt Flughafen - Terminal 2. Ein Stück Heimat. Ein Ort zwischen den Welten.
Ich entschied mich ohne lange nachzudenken:
Donnerstag los. Übernachten am Flughafen. Keine Extras, keine Komfortzone. Nur ich und ein Rucksack. Eine mentale Vorbereitung auf das, was mir bevorsteht – im Leben und auf den Wegen, die ich noch gehen will.
Gepäck?
Minimalistisch. Schlafsack, Wechselwäsche, Waschzeug, Medikamente. Fertig. Mehr braucht ein Mensch nicht, der sich selbst wiederfinden will – sich wiederfinden muss!
Tag der Abreise – Das erste Loslassen
Der Donnerstag begann mit Arbeit. Ich zwang mich, gedanklich dort zu bleiben, obwohl mein Kopf längst unterwegs war. Nach Feierabend griff ich zum Rucksack, packte alles in wenigen Minuten ein – unterwegs stellte fest, dass ich meinen Dienstausweis und mein Laptop vergessen hatte.
Es stellte sich als Segen heraus. Kein Schreiben – Sprachmemos als neuentdeckte Gedächtnisstütze.
Mit dem Bus ging es nach Koblenz, Cheeseburger als Wegzehrung, dann der Regionalexpress Richtung Frankfurt. Es war dunkel, aber ich war hellwach. Reisefieber.
Endlich wieder unterwegs.
Ein stiller Startpunkt einer langen Reise – zwischen Dunkelheit, Kälte und Aufbruchsstimmung.
Ein früher Moment zwischen Dunkelheit, Kälte und dem ersten Schritt einer langen Reise.
Nächtliche Stimmung am Koblenzer Hauptbahnhof während meiner Deutschlandticket-Reise.
Die illuminierten Mauern des preußischen Forts über dem nächtlichen Bahnhof.
Der Flughafen – Eine Nacht wie ein kleines Abenteuer
Die Beschilderung zum Terminal 2 erwies sich als Labyrinth. Dreimal lief ich denselben Weg, dreimal landete ich wieder am Ausgang des Regionalbahnhofs. Ich zweifelte an meinem Verstand.
Wie in einem schlechten Horrorfilm.
Nur dass ich lachen musste – über mich selbst, über die Situation, über die Absurdität des Moments. Dann die Erlösung: ein gelber Bus. Terminal-Shuttle-Ersatz. Ich stieg ein und ließ mich in die Stille des Terminal 2 tragen.
Das Terminal 2: Menschenleer. Groß. Kalt. Zeitlos.
Ich suchte die Besucherterrasse auf – geschlossen.
Ich suchte einen Schlafplatz – gefunden. Hartplastik-Bänke unter künstlichen Ahornbäumen, aber überraschend bequem.
Plötzlich eine Durchsage:
„Bitte nicht einsteigen. Dies ist nur eine Testfahrt.“
Alle zwei Minuten. Die ganze Nacht. Das Terminal-Shuttle fuhr leer vor sich hin – wie eine Geisterbahn. Der Bau des neuen Terminals verhinderte, dass Passagiere mitfahren konnten – aber offenbar verhinderte es nicht, dass dieses Scheißding die ganze Nacht fuhr.
Die Szenerie war surreal:
Eine müde Reisende auf der Bank neben mir, vier Inder, die leise wie Murmeltiere sprachen, eine Maus auf Nahrungssuche.
Ich fühlte mich sicher, geborgen, frei und ich schlief überraschend gut.
Moderner Verbindungsweg zwischen den Terminals – ruhig, weitläufig, atmosphärisch.
Leere Abflughalle im nächtlichen Terminal 2 – Architektur, Ruhe und Reiseatmosphäre
Ein ungewöhnlicher Schlafplatz zwischen künstlichen Bäumen und nächtlicher Flughafenruhe.
Ein improvisierter Schlafplatz zwischen Pflanzeninseln und Hartplastikbänken.
Improvisierte Ruhezone zwischen künstlichen Pflanzen und Fliesenboden
Blick vom Schlafplatz im Frankfurter Flughafen Terminal 2 auf die oberhalb gelegene McDonald’s-Filiale.
Schlafende Passagiere und nächtliche Ruhezone im Terminal 2 – Momentaufnahme meiner Übernachtung im Flughafen Frankfurt.
Eine kleine Flughafenmaus erkundet die ruhige Wartezone im Terminal 2.
Morgengrauen – Ein Ort ohne Zeit
Um kurz nach vier war ich wach. Erholt. Als hätte der Flughafen meine Gedanken sortiert.
Mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, der erste Bäcker, zwei Laugenbrezeln, ein Stück Pizza.
Der Flughafen hatte mich zeitlos gemacht – jetzt holte mich die Kälte des Frankfurter Morgens in die Realität zurück. Noch 30 Minuten bis zur Abfahrt.
Ich suchte mir einen Platz im Zug und saß dort – bereit für einen Tag, von dem ich ahnte, dass er mehr in mir bewegen würde als nur Kilometer.
Leerer Terminal-Shuttle am frühen Morgen auf dem Flughafen Frankfurt
Ein Moment zwischen Müdigkeit und Aufbruchstimmung im Terminal-Shuttle.
Beleuchteter Haupteingang mit Uhr und klassizistischen Details
Die markante Silhouette des DZ-Bank Hochhauses, fotografiert in der nächtlichen Skyline Frankfurts.
Der innere Abschluss – Eine Reise endet nicht am Ziel, sondern im Kopf
Dann traf es mich. Plötzlich fühlte sich alles in mir unwohl, weil ein altes Kapitel noch nicht dort lag, wo es hingehörte: im Archiv, nicht im Herzen.
Ich saß im Zug nach Würzburg, draußen fuhr die Welt vorbei, und in mir arbeitete etwas. Es war wie der Name auf der Zunge, der einem nicht einfällt. Man weiß, dass die Erinnerung nutzlos geworden ist, aber sie klebt noch an einem.
Ich kämpfte, suchte, dachte – bis ich in Oberammergau erkannte:
Mein Kopf ist weiter als mein Unterbewusstsein.
Das Unterbewusstsein braucht Zeit.
Ich gebe sie ihm.
Der Knoten war gelöst, weil ich akzeptierte, dass ich nichts lösen muss. Ich habe gelernt. Ich habe mitgenommen. Ich bin frei. Das Thema ist durch!
Reisen mit dem Deutschland-Ticket – Der Weg ist der Lehrer
Die Bahn war ein Glücksspiel an diesem Tag: Ausfälle, spontane Ersatzverbindungen, Lokführer krank, Gleisarbeiten. Und trotzdem lief alles wie ein Uhrwerk.
Elf Umstiege. Für viele ein Alptraum. Für mich ein Geschenk. Jeder Umstieg bedeutete Bewegung. Freiheit. Keine Platzreservierungen, keine Erwartungen, kein Druck. Nur ich, mein Rucksack und der Horizont.
Winterlicher Abend vor dem Kasernentor der NATO School im starken Schneefall.
Schneereicher Abend am Fuß der Schaffelwand
Steiler Felshang und tief verschneite Dächer im abendlichen Schneefall.
Winterliche Abendaufnahme im dichten Schneefall – Oberammergau bei Nacht
Ein Moment der Ruhe nach 14 Stunden Deutschland-Ticket-Reise: Single Malt im Flachmann.
Oberammergau – Wo die Alpen schweigen
Der Schnee hatte die Stadt verwandelt. Die Luft war klar, der Himmel kalt, die Berge majestätisch. Ich fühlte:
Ich wohne am falschen Ort.
Die Alpen rufen mich immer wieder, seit Jahren. Sie geben mir das Gefühl, dass die Welt größer ist als meine Sorgen. Ich traf meine Tochter, wir gingen essen, ich traf einen alten Kollegen – ein guter Abend. Bis der Tod uns einholte…
Der Schock
Die kleine schwarze Katze. Der Schnee. Das Auto. Der dumpfe Aufprall. Das Brechen der Knochen. Der Blick der Katze – und dann verstummte sie für immer.
Meine Tochter und ich standen da, machtlos, fassungslos. Ein Moment, der den Rest des Abends überschattete. Ein Moment, den nur die Stille tragen kann. Wir gingen weiter, weil es nichts gab, was wir hätten tun können. Wir waren froh, als wir in unseren Betten lagen.
Fazit des ersten Tages
Es war kein leichter Tag. Kein angenehmer, aber ein notwendiger.
Ich reise nie nur von A nach B. Ich reise immer auch zu mir zurück. Ich muss mich selbst spüren. Ich muss denken. Fühlen. Mit mir selbst sprechen.
Dieser Tag hat mich ein großes Stück weitergebracht – näher an mich selbst, an die Klarheit, an die Freiheit, die ich so lange nicht hatte. Die Zweifel verschwinden zunehmend. Das Loslassen fällt mir immer leichter.
