Insomnia – Nächte, die kein Ende finden
Seit Wochen kreisen meine Gedanken. Seit Wochen schlafe ich nicht gut. Ich wache mitten in der Nacht auf und mein Kopf findet keine Ruhe. So vieles geht mir durch den Kopf:
- Wie entwickelt sich der Krebs? Wie verkrafte ich eine Therapie?
- Bekomme ich die neuen Aufgaben auf der Arbeit gestemmt?
- Haben wir uns mit der Feier unseres 50. Geburtstags übernommen?
- Schaffen unsere Kinder ihre Ausbildung? Sind sie glücklich mit dem, was sie tun?
- Ist das, was ich mit diesem Blog tue, richtig?
Ich bin mein Leben lang den Dingen auf den Grund gegangen. Mein Kopf hat nie Ruhe gegeben. Jetzt wünsche ich mir zum ersten Mal, dass er ab und zu die Klappe hält - mich für ein paar Tage in Ruhe lässt.
Doch das tut er nicht. Es gibt nur eine einzige Sache, mit der ich ihn zum Schweigen bringen kann. Eine Sache, die zu meinem Leben gehört, seit ich denken kann. Es ist die Sache, die mich wie nichts anderes bewegen kann, beruhigen kann, mir Energie geben kann:
MUSIK!
Der Tod holt sich mein musikalisches Fundament
Ich liege schon wieder seit Stunden wach auf der Couch, denke seit Stunden über den Tod von Phil Campbell nach.
„Fast die ganze Band ist tot“, denke ich und setze mir die Kopfhörer auf. Ich lasse „Bomber“ von Motörhead laufen. Es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Sofort ändert sich meine Stimmung. Ja, ich bin traurig, aber auch seltsam befreit. Es ist das offizielle Video. Phil Campbell war noch gar nicht bei Motörhead. Stattdessen presst mir Lemmy seine Stimme bei voller Lautstärke in den Kopf. Phil „The Philthy Animal“ Taylor, der von Lemmy aus der Band geworfen wurde, weil er zu viel gesoffen hat (echt wahr), prügelt auf seine Drums und „Fast“ Eddie Clarke holt alles aus seinem Sechssaiter, was er hat. Jung sehen sie aus. Keine große Bühnenshow – nur etwas Licht und diese unglaubliche Musik. Keiner von ihnen ist mehr am Leben, aber sie haben etwas hinterlassen, was mich in den späten 80ern gefunden hat: ihr unverwechselbarer Sound und die Leidenschaft der Musik alles unterzuordnen. Den Lebensstil des Rock‘n’Rolls kompromisslos durchzuziehen.
Ich lasse „Perry Mason“ von Ozzy Osbourne laufen – Live vom Ozzfest 1996. Alte Bekannte stehen auf der Bühne:
- Robert Trujillo (Ex-Suicidal Tendencies, Metallica) steht – soweit man das bei ihm sagen kann – am Bass
- Mike Bordin (Ex-Faith No More) an den Drums
- Joe Holmes spielt die Gitarre – und wie! Neben Randy Rhoads und Zakk Wylde ging er fast ein bisschen unter in der Reihe der Gitarristen rund um Ozzy. Absolut zu Unrecht, wie ich finde.
Ozzy vs. Lemmy – Titanen der Musik im Vergleich
„I don’t wanna stop darf nicht fehlen.“, geht es mir durch den Kopf und schon merke ich, dass ich wieder bei Ozzy – dem Mann dessen Tod mich schwer getroffen hat – hängen geblieben bin. Ich habe immer viel Black Sabbath und Ozzy Osbourne gehört, aber seit seinem Abschiedskonzert vergeht kaum ein Tag ohne seine Musik. Ich beginne ihn mit Lemmy zu vergleichen.
Zwei musikalische Schwergewichte, die ihr Leben ihrer Musik gewidmet haben. Der eine hart, kompromisslos, mit der größten Leckt-mich-alle-am-Arsch-Attitude, die sich denken lässt. Der andere immer aufgedreht mit einem leichten Hang zum Wahnsinn – und doch so leise. Lemmy sagt, was er denkt. Ozzy hat diese verborgene Seite. Man kann sehen, dass sie da ist, aber man bekommt den Eindruck, dass er ihr selbst nicht gewachsen ist. Der eine macht Zigarette und Jackie-Flasche zu einem Markenzeichen – fast so, als wäre er mit beidem in der Hand geboren worden. Der andere ist der fucking „Prince of Darkness“ und doch wirkt er Zeit seines Lebens verletzlich, nahbar auf mich.
Ozzy – Die Stimme meines Lebens
So markant und unverwechselbar Lemmys Stimme auch ist, Ozzys Stimme trifft mich jedes Mal mitten ins Herz. So auch jetzt. Es läuft „War Pigs“ und mir laufen Tränen über das Gesicht. Der Kopf meldet sich zurück und mischt sich unter Ozzy Stimme. Wir leben in turbulenten Zeiten. Die Kriege dieser Welt kommen näher. Ich erinnere mich an meine Jugend und die Bemühungen um Frieden. Politiker, die reden, verhandeln, Freundschaften zwischen Ländern schließen. Ich sehe Helmut Kohl und Francois Mitterrand händehaltend vor zwei Kränzen vor meinem inneren Auge. Keine scheint mehr reden zu wollen. Krieg scheint die einzige Sprache zu sein, die gesprochen werden soll. „Weil hierzulande kaum noch jemand lebt, der die Schrecken eines Krieges erlebt hat?“, frage ich mich. „Politicians hide themselves away. They only started the war…“, singt Ozzy und Toni Iommis Gitarrensound fräst sich durch meine Ohren.
Früheste Erinnerungen – Wie alles anfing
Ich staune wieder einmal, wie die Musik meine Stimmung verändert. Ich stand der Musik sehr früh offen gegenüber. Sie war auch immer präsent. Mein Großvater hatte ein Hohner Akkordeon. Ich mochte dieses Instrument. Die vielen Tasten – und eine der schwarzen Knöpfe war nicht nach außen, sondern nach innen gewölbt. Als Orientierungstaste, nehme ich an. Dann das rot-marmorierte Hochglanzkunststoff des Gehäuses. Alles war spiegelglatt. Es fühlt sich gut an. Ich dürfte kaum fünf Jahre alt gewesen sein und mein Großvater holte es immer wieder hervor. Er spielte oft eine Schallplatte von „Slavko Avsenik und seine Original Oberkrainer“. Ich mochte als Kind seinen Namen, den man ‚Ausenik‘ auspricht. Keine Ahnung, wieso er mir so gefiel. So seltsam es aus heutiger Sicht klingt, aber ich mochte auch die Musik – und ich mag sie bis heute. Für mich war es die erste Heavy Rotation meines Lebens – und sie verfehlte ihre Wirkung nicht.
Zwischen Kinderkassetten und Radio
Meine Eltern fuhren oft mit mir in den Taunus und an den Rhein. Mein Bruder war noch nicht geboren und wir hatten einen grün-gelben Opel Kadett C GT/E Rallye. Verbaut war ein schwarzes John Player Special Autoradio mit goldenen Aufdrucken. Lautstärkenregler und Senderknopf waren mit den verschlungenen Initialen ‚JSP‘ verziert. Ich liebte das Auto, ich liebte die Optik des Radios…und den Sound. Mein Vater hatte auf der Heckablage 2-Wege-Lautsprecher verbaut. Oft lief „Ballroom Blitz“ von The Sweet. Ich liebte diesen Song als Kind. Ich nahm erste Kassetten auf. Damals bespielte ich sie mit meinen Lieblingsliedern. „Klar“ mag der eine oder andere jetzt denken, „Habe ich auch so gemacht.“
Ich habe aber keine Best-Of-Kassetten zusammengestellt. Ich habe mein aktuelles Lieblingslied immer und immer wieder aufgenommen, bis beide Seiten der Kassette voll waren – mit eben nur einem einzigen Lied. Ich trieb meine Eltern mit diesen Kassetten auf Autofahrten in den Wahnsinn – aber sie ließen sie geduldig laufen.
1985 – ich war neun Jahre alt – änderte sich alles. Ich begann die Kinderkassetten zu verbannen. Was war geschehen? Ich lief durch die Musikabteilung einer Hertie-Filiale im Frankfurter Nordwestzentrum. Mein Ziel: Die Spielwarenabteilung. Auf dem Weg blieb mein Blick am Cover einer Schallplatte hängen. Es zeigte zwei im Rauch und Nebel rennende Soldaten mit Helm und Gewehr und im Hintergrund ein Panzer. Dabei ein Plakat mit einem Huey-Hubschrauber – jenem Hubschrauber der meine ganze Kindheit von Bonames dutzende Male am Tag Richtung Frankfurt flogen. Ich kannte die Silhouette und das unverwechselbare Geräusch liegt mir noch heute in den Ohren.
Ich kannte das Lied nicht – Paul Hardcastle „19“ – aber ich musste dieses Bild haben. Auf der Folie war ein kreisrunder, roter Aufkleber: „7,- DM“. Ich zählte mein Taschengeld und kaufte die Schallplatte. Meine Großmutter und meine Mutter waren nicht begeistert. Sie wollten mich von Krieg und Waffen fernhalten. Sie haben mich nicht pazifistisch erzogen, aber sie schärften schon im Kindesalter mein Bewusstsein.
Zu Hause angekommen nahm ich die Single aus ihrer Hülle. Ich besaß eine Stereoanlage von Palladium. Es war ein sogenannter Tower: oben ein Plattenspieler, darunter das Radio, darunter das Kassettendeck und ein 7-Band-Equalizer. In der Mitte waren die Bedienelemente. Der Clou: Die Bedienelemente ließen sich herausnehmen und waren in Wahrheit eine Fernbedienung. Eine clevere Lösung, die ich so nie wieder bei einer anderen Stereoanlage gesehen habe. Sie war von der Neckermann-Hausmarke „Palladium“.
Ich legte den Adapter für Singles auf den Plattenteller, stellte die Geschwindigkeit auf 45 Umdrehungen für Singles um, legte den Tonarm auf die Schallplatte und los ging es. Die Stille wurde durch das typische Knistern beim Plattenhören unterbrochen und das Lied fing an. Was dann folgte, werde ich niemals vergessen! Schon die ersten Töne brannten sich in meinen Kopf und ich liebte das Lied von der ersten Sekunde an.
Ich hatte bereits durch diverse Musikkassetten herausgefunden, welches „mein“ Sound auf dem Equalizer war: das linke Band ganz hoch, das zweite etwas weiter unten, die drei in der Mitte ganz unten und die beiden Rechten spiegelverkehrt zu den beiden linken. Anders vermochte ich es damals nicht auszudrücken. Heute weiß ich sehr wohl, was es bedeutet – und es ist nach wie vor meine bevorzugte EQ-Einstellung (wenn auch etwas weniger Höhen, um das Scheppern zu verringern).
Der Eliminator
Noch im selben Jahr machte ich Bekanntschaft mit ZZ Top. „Formel 1“ und „Ronnie’s Popshow“ waren die Musiksendungen im Fernsehen, die erste Musikvideos zeigten – und da war er: Der Eliminator! Jenes Auto, dass ZZ Top in den 80ern zum Markenzeichen gemacht hat. Der Song hieß „Sleeping Bag“ und war auf dem Album „Afterburner“ zu finden. Ohne Scheiß! Ein Auto mit dem Namen Eliminator, dass auch noch so geil aussah, auf einer Platte namens „Afterburner“…verdammt ich war neun Jahre alt! Das Marketing war exakt für mich als Zielgruppe gemacht! Supercool! Meine Cousine bekam das Album geschenkt und sie überspielte es mir auf eine Kassette. Mir fehlte alles. Ich hatte ein Bild von dem Auto, der Name war in Handschrift von meiner Cousine auf das Inlay gekrizzelt – aber immerhin: Sleeping Bag war drauf. Ich hörte das Lied rauf und runter und stellte mir dazu das Video vor. Ich sah vor meinem inneren Auge das Auto passend zum Lied.
Und so geschah es. Ich verband allmählich Musik mit Bildern, mit Ereignissen, mit Lebensgefühl – und es ist bis heute so geblieben.
Wie es weiterging
Von meiner Tante bekam ich Schallplatten -meist Sampler – zu Geburtstagen und Weihnachten geschenkt. Ich kannte „Stairway to Heaven“ als Cover von Far Corporation, bevor ich das Original von Led Zeppelin kannte. Led Zeppelin kannte ich wohl. Das Plattencover der brennenden Hindenburg war faszinierend, aber die Platten meiner Eltern durfte ich nicht ohne Aufsicht hören: „Mach ja keine Kratzer in die Platte!“
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als meine Vater mir seine LP "Paranoid" von Black Sabbath schenkte. Ich halte sie bis heute, wie einen Schatz in allen Ehren.
Ich fand zunehmend immer mehr Musik, die mir gefiel und nahm sie auf Kassette auf. Werner Reinke war mein Lieblings-Radiomoderator. Er erzählte zu jedem Song eine Geschichte und er quatschte nicht in die Lieder, sodass man sie perfekt auf Kassette aufnehmen konnte. Ich gab Unsummen für Leerkassetten aus, hatte einen Walkman, der Batterien verschlang, wie eine neunköpfige Raupe. Später arbeitete ich als Fahrradkurier für eine Apotheke, füllte Regale im Supermarkt auf und steckte all mein Geld in CDs. Ich lieferte mir eine regelrechte Materialschlacht mit meinem Freund aus der Nachbarschaft. Ich schwänzte die Schule und saß stattdessen in einem Plattenladen in Oberursel – der Musik Box – hörte die neueste Musik, las dabei den Metal Hammer und die Rock Hard. Ich wollte, wie Werner Reinke, alles über Musik wissen. Ich wollte sie hören, sie spüren, die Geschichten dahinter erfahren und verstehen. Immer mehr Musikrichtungen fanden ihren Weg in mein Leben. Punkrock, Metal in all seinen Facetten, Pop, Rock, Klassik und sogar Marschmusik. Selbst die alten Schlager fand ich gut – hatte ich sie doch immer bei meinen Großeltern gehört.
Heute
Jeder Abschnitt meines Lebens hat heute seinen eigenen Soundtrack. Höre ich ein Lied, versetzt es mich in jene Zeit und mein Kopf vermag es diese Zeit, wie einen Film abzuspielen. Mir fallen Details ein, an die sich keiner mehr erinnern kann. Nahezu mein ganzes Denken läuft in Bildern gepaart mit Musik ab.
Spotify hat das Spiel nachhaltig verändert. Die Ära der Tonträger hat dafür gesorgt, dass eine begrenzte Auswahl hoch und runter lief. Spotify hat meinen Fokus auf einzelne Songs und nicht mehr auf Alben gelegt. Ich rücke immer mehr von den „Headlinern“ ab und höre kleine Bands und Künstler. Die Flut neuer Musik ist kaum noch zu bewältigen. Gleichzeitig hat die Digitalisierung gepaart mit Playlists zu Möglichkeiten geführt, die damals so nicht denkbar waren. Ich habe Playlists zu nahezu jedem Anlass – sogar zu passend zu meinen Lebensabschnitten und ich kann mich mit diesen Playlists auf Zeitreise begeben.
Manchmal gleicht das einer Flucht vor der Realität, denke ich. Dann merke ich aber das gute Gefühl, dass die passende Musik verursacht, und es ist mir egal. Dann fliehe ich eben. Was solls?
„Meine Musik“ hat alles gesehen, mich durch alles getragen: Freude und Leid, Glück und Pech, Liebe und Liebeskummer. Sie hat mich gefesselt, befreit und wachsen lassen. Sie bringt Stolz und Demut, Staunen und Enttäuschung. Sie nährt Hoffnung. Sie bringt Klarheit. Sie ist beide Seiten der Medaille – und ich kann entscheiden, wann ich was brauche. Nichts ist wie Musik. Wirklich nichts.
Was wird
Mittlerweile läuft „Symptom of the Universe“ von Black Sabbath und die Gedanken an meine Sorgen drängen sich wieder zurück. Die Sonne ist mittlerweile aufgegangen und gleich beginnt das Formel 1 Rennen. Der Kopf arbeitet wieder und die Gedanken an meine Sorgen kommen wieder zurück – dank der Musik ein bisschen leiser als sonst.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich weiß nicht, wieviel Zukunft es noch für mich geben wird. Wenn ihr mich irgendwann begraben müsst, dann tut es so, dass es für euch richtig ist – tut mir nur einen Gefallen: Macht es mit Musik. Musik wird immer Teil meines Lebens sein und John Miles bringt auf den Punkt, was ich selbst nicht besser ausdrücken kann:
„Music was my first love…and it will be my last.“
